Radio Schweden - Artikelarchiv

Tiertransporte 2001-01-30 2;||;42 Sybille Neveling tys 3 Tiertransportverbot - Bangemache oder Notwendigkeit? Schwedische Landwirte und Fleischproduzenten befürchten negative Auswirkungen durch das EU-Verbot für Tiertransporte, das am 6. März 2001 beschlossen wurde. Branchenvertreter warnen vor Engpässen in der Fleischversorgung Alle Beteiligten drücken zugleich aber auch ein gewisses Verständnis aus. Verständnis aber auch Befürchtungen löst die Entscheidung aus, alle Viehmärkte und die meisten Tiertransporte für die nächsten zwei Wochen zu verbieten. Zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche hatte der Brüsseler Veterinärausschuss gestern ja alle Viehmärkte in der EU verboten. Und Transporte von Kühen, Schweinen und Schafen sollen nur noch für den direkten Weg zwischen einem Zuchtbetrieb und dem Schlachthaus erlaubt sein. Die schwedischen Landwirte stellen sich hinter diese Entscheidung, die Fleischbranche warnt vor Engpässen.
In Schweden ist noch kein Fall von Maul- und Klauenseuche festgestellt worden. Dennoch zeigen die Landwirte Verständnis, auch wenn’s schwer fällt. Schliesslich steht für alle viel auf dem Spiel. Die meisten müssen warten, bis sie Tiere zum Schlachthof schicken können. Martin Karlsson hat einen Hof mit 150 Tieren bei Jönköping: "Ein bisschen Panikmache ist das schon, finde ich. So gross ist die Gefahr hier in Schweden nicht. Wir wollten nächste Woche drei Tiere zum Schlachten schicken, die müssen wir jetzt erstmal behalten. Und auf die Bezahlung müssen wir dann ja auch noch warten."
Drastische Massnahmen wie das Verbot für Tiertransporte zeigen, wie ernst die Maul- und Klauenseuche ist, betont Landwirtschaftsministerin Margareta Winberg. Sie verteidigt auch, dass Schweden in Brüssel für das Verbot gestimmt hat, obgleich hier noch keine Fälle von Maul- und Klauenseuche aufgetaucht sind.
"Wir können ja nicht ausschliessen, dass die Seuche auch nach Schweden kommt. Mit Touristen z.B. Dieses Virus wird ja nicht nur durch Tiere übertragen, sondern auch durch Menschen. Wir haben dafür gestimmt, weil Schweden mit den anderen EU-Ländern solidarisch sein will. Wenn eine so extrem ansteckende Krankheit ausbricht, muss man alle Mittel ergreifen, die zu Gebote stehen", so die Ministerin.
Welche Konsequenzen diese Massnahmen im Einzelnen haben werden, weiss die Landwirtschaftsministerin nicht. Aber sie hat den Verband schwedischer Landwirte hinter sich. Gunela Ståhle, Expertin für Tierhaltung bei der Organisation, erklärt jedoch, dass bereits innerhalb von zwei Wochen der Platz in den Ställen knapp wird: "Das Transportembargo ist sehr drastisch und hat weitreichende Folgen. Schweine zum Beispiel nehmen pro Tag ein Kilo zu. Innerhalb von zwei Wochen kann es im Stall sehr eng und schwierig werden."
Nach Schätzungen des Bauernverbands bedeutet der Brüsseler Beschluss, dass die Zahl der Schlachttiere um 30-40 Prozent sinken wird.
Die schwedischen Bauernhöfe sind im EU-Vergleich relativ klein. Das heisst, es werden immer nur einige wenige Tiere zum Schlachten abgeholt. Und dann - normalerweise – gemeinsam mit Tieren von anderen Höfen transportiert. Das geht jetzt fürs erste nicht mehr, stellt Åke Rutegård, Geschäftsführer der Vereinigung der Fleischbranche fest.
"Wir müssen sehr viel fahren. Immer nur mit einigen wenigen Tieren. Und trotzdem schaffen wir nicht, alle Tiere zum Schlachthof abzuholen. Das kann binnen Kurzem zu einem Mangel an Fleisch in den Geschäften führen", warnt der Vertreter der Fleischbranche.
Fragt sich natürlich, ob da nicht auch ein wenig Panikmache für die Verbraucher mit im Spiel ist… Tiertransporte 2001-03-07 2;||;43 Markus Wetterauer tys 3 EU-Konferenz in Uppsala diskutiert Maul- und Klauenseuche Die Maul- und Klauenseuche ist weiter auf dem Vormarsch. Nachdem der erste Fall auf dem europäischen Festland entdeckt worden ist, erhöht sich nach Meinung von Experten das Risiko einer Ausbreitung der Krankheit bis nach Schweden. Damit könnte das Thema auch -- ungeplant -- auf die Tagesordnung des Stockholmer EU-Gipfels Ende März rutschen. Für Anders Engvall wäre es ein Alptraum. Der Experte bei der staatlichen Anstalt für Tiermedizin in Uppsala sieht als schlimmsten Fall an, dass sich die Erreger der Maul- und Klauenseuche von Nordwest-Frankreich aus in die umliegenden Regionen und dann auch in Nachbarländer verbreiten.
Ein Auffassung, die die schwedische Landwirtschaftsministerin Margareta Winberg teilt. Die Behörden im Land sind in Alarmbereitschaft versetzt und verfolgen die Entwicklung mit Argusaugen, zuerst in Grossbritannien, jetzt auch auf dem europäischen Festland, sagte Winberg bei der Eröffnung einer dreitägigen EU-Konferenz zur Lebensmittel-Produktion in Uppsala.
Weder der Rinderwahnsinn BSE noch die Maul- und Klauenseuche waren eigentlich auf der Konferenz in Uppsala vorgesehen. Doch sie wurden zum beherrschenden Thema. Für Margareta Winberg gehören deshalb die Begriffe Sicherheit, Nachhaltigkeit und Ethik zu den wichtigsten in der Lebensmittel-Produktion. Die Ergebnisse der Konferenz, an der rund 600 Experten aus allen EU-Ländern teilnehmen, sollen beim Treffen der EU-Landwirtschafts-Minister im April im nordschwedischen Östersund disktuiert werden. Bei vielen ihrer Kollegen stellte Winberg bereits ein verändertes Denken fest -- ein Denken in Richtung weniger industrialisierte Landwirtschaft mit kleineren Höfen und umwetlfreundlicherer Produktion. Immerhin sechs EU-Länder -- die Bundesrepublik, Grossbritannien, Italien, die Niederlande, Schweden und Dänemark -- haben sich laut Winberg für eine grundlegende Reform der EU-Agrarpolitik ausgesprochen.
"Auf EU-Niveau gibt es eine grosse Veränderung seit 1994, auch unter Ministern und Regierungen, was erfreulich ist. Für Schweden ist das keine neue Frage, weil wir ja schon lange damit gearbeitet haben. Insgesamt hoffe ich auf eine Kurs-Änderung. Ich hoffe, dass dies ein Schritt in Richtung einer neuen und grüneren Agrarpolitik ist."
Obwohl es bisher noch zu keinem Fall der Maul- und Klauenseuche in Schweden gekommen ist, bereitet die Krankheit auch Ministerpräsident Göran Persson Bauchschmerzen. Grund dafür ist der EU-Gipfel in Stockholm nächste Woche. Breitet sich die Seuche weiter aus, sind die Chancen gross, dass die Agrarpolitik zum beherrschenden Thema des Gipfels wird -- ein kontroverses Thema, bei dem Persson kaum schnelle Ergebnisse und damit international auch kaum Erfolge erreichen kann. MKS 2001-03-14 2;||;44 Axel Hammerl tys 3 Schweden als EU-Vorbild in Sachen Verkehrssicherheit 1997 hat sich der schwedische Reichstag die sogenannte Nullvision für den Straßenverkehr zum Ziel gesetzt. Das bedeutet, man wollte anstreben, dass niemand mehr auf schwedischen Straßen stirbt. Doch seitdem hat sich die Zahl der Verkehrsopfer erhöht. Das ist insbesondere auch deswegen heikel, weil Schweden während der Zeit der EU-Ratspräsidentschaft die Verkehrssicherheit zu einem vorrangigen Aufgabenfeld gemacht hat und gerne als Vorbild für andere Länder dastehen möchte.
400 Menschen sterben jährlich auf staatlichen Straßen in Schweden, 200 auf kommunalen. Tendenz steigend. Doch Wirtschaftsminister Björn Rosengren, der auch für Verkehr zuständig ist, hat dafür eine einleuchtende Erklärung:
"Das ist ganz einfach zu erklären. Die Unterlagen, die man für den Beschluss zur Nullvision fasste, stammen aus der Zeit des großen Konjunkturtiefs. Heute boomt die Wirtschaft. Und das wirkt sich auch auf den Verkehr aus. Seit 1994 ist der Straßenverkehr im Schnitt jährlich um etwa ein halbes Prozent angestiegen. Am größten war der Anstieg 1999 mit 3 Prozent - im Güterverkehr sogar 5 Prozent. Trotz der Zunahme der Verkehrstoten ist Schweden weltweit führend. Es gibt kein anderes Land, in dem prozentual so wenig Menschen im Verkehr sterben."
Dennoch bleibt die Frage, wie man die negative Entwicklung stoppen kann. Und die Opposition wirft der Regierung vor, seit dem Beschluss zur Nullversion zu wenig getan zu haben. Tatsächlich ist das immer wieder versprochene Massnahmen-Paket der Regierung bis jetzt noch nicht vorgelegt worden. Nun heißt es, es käme endgültig im Herbst. Zu spät meint Jonny Gylling, der verkehrspolitische Sprecher der Christdemokraten, und zählt die Folgen der Verzögerungen auf:
"Als erstes bekommt das Strassenbauamt nicht genügend Geld. Es gibt gefährliche Wegstrecken, die ausgebaut werden müssen. Und wenn kein Beschluss von der Regierung kommt, dann kann man nicht planen. Die Vorlage, die jetzt im Herbst kommen soll, da haben wir lange drauf gewartet. Wir stimmen in vielen Punkten mit den Vorschlägen überein, nur es geht zu langsam. Wir fordern eine politische Konzentration auf Verkehrssicherheit. Björn Rosengren hat acht verschiedene Zuständigkeitsbereiche von Telefon bis Atomkraft. Da kann man sich nicht konzentrieren als Minister auf so eine wichtige Sache wie Verkehrssicherheit."
Auch von den anderen Parteien gab es Kritik, es würde zu wenig getan im Lande in Puncto Verkehrssicherheit. Um der Kritik zu begegnen, hat das Strassenverkehrsamt jetzt ein Presseseminar veranstaltet und verkündet: damit es auf den Straßen weniger Tote gäbe, müssten alle zusammenarbeiten. Die Autoindustrie, indem sie sicherere Autos herstellt, das Strassenbauamt, indem es Leitplanken aufstellt, Kreuzungen durch Rondelle ersetzt und die Straßenränder von Hindernissen frei hält. Und die Autofahrer selbst sollten nicht so schnell fahren, den Sicherheitsgurt benutzen und nüchtern bleiben. Schön und gut, aber wie erreicht man das? Gerade was die Nüchternheit hinterm Steuer anbelangt, macht der Christdemokrat Jonny Gylling der Regierung Vorwürfe:
"Es gibt einen Punkt, den die Regierung in ihrem Programm vergessen hat und das ist, wie ich meine, die Nüchternheit im Verkehr. Über 14.000 Menschen fahren betrunken durch die Gegend. Wir wollen, dass das Alkoholschloss eingeführt wird und dass jeder, der wegen Trunkenheit am Steuer verurteilt wird, ein paar Jahre mit dem Schloss fahren muss."
Das sogenannte Alkoholschloss wird in Schweden bereits erprobt. Ein ertappter Alkoholsünder darf weiterhin Auto fahren unter der Bedingung, dass in seinem Wagen ein Bordcomputer eingebaut wird, der überprüft, ob der Fahrer nüchtern ist. Die Regierung möchte das Alkoholschloss noch weiter testen, der Opposition dauert auch das zu lang.
Wer mit 90 Stundenkilometern gegen einen Baum fährt, nützt es auch nichts, wenn er das neueste Modell mit Airback und Aufprallschutz fährt. Der Baum drängt sich dennoch etwa zwei Meter weit in den Wagen, Armaturenbrett und Lenkrad landen auf dem Rücksitz.
Deswegen fordern die Christdemokraten mehr Tempolimits und mehr Kontrollen. Und mit neuer Technik könne man auch Schilder aufstellen, die je nach Witterungslage unterschiedliche Höchstgeschwindigkeiten angeben.
Letztendlich sind sich Regierung und Christdemokraten in vielen Punkten einig, was eine Verbesserung der Verkehrssicherheit anbelangt. Doch der Teufel steckt wie immer im Detail und - natürlich - in der Finanzierung. 2001-03-16 2;||;45 Agnes Bührig tys 3 Importstopp für Fleisch- und Milchprodukte bei Privatpersonen Die Wege, über die sich die Maul- und Klauenseuche verbreitet, sind schwer zu überwachen. Mit dem Wind kann das Virus 200 bis 300 Kilometer weiter getragen werden. Aber auch unbehandeltes Fleisch und Milchprodukte können ansteckend wirken. Ende März 2001 beschloss das schwedische Zentralamt für Landwirtschaft daher ein Einfuhrverbot für Fleischprodukte. Privatpersonen, die nach Schweden einreisen, ist es ab sofort verboten, Fleisch, Milch oder Milchprodukte einzuführen. Und dies unabhängig davon, ob in ihrem Herkunftsland die Maul- und Klauenseuche grassiert. An Schwedens Grenzen müssen alle derartigen Produkte in dafür vorgesehene Behälter geworfen werden. Mit dieser Massnahme soll verhindert werden, dass sich die Maul- und Klauenseuche bis nach Schweden ausbreitet, so die Generaldirektorin des Zentralamts für Landwirtschaft Ingbritt Irhammar:"Wir beobachten die Entwicklung und beurteilen danach das Risiko. Und es zeigt sich, dass die Ansteckungsgefahr nicht geringer geworden ist, die Ansteckung ist nicht unter Kontrolle, weder in Grossbritannien noch in den Niederlanden und es gibt sogar in Irland Verdachtsfälle."
Irhammar begründet die schwedische Entscheidung ausserdem damit, dass ein Sortieren der Einreisenden nach Herkunftsland für die Mitarbeiter des Zollamtes schwierig ist. Schliesslich kann ein passierendes Auto in einem Land registriert sein, seine Insassen aber aus einem anderen Land kommen. Deshalb beschränkt sich das Einfuhrverbot nicht nur auf die Länder, die bereits von der Maul- und Klauenseuche befallen sind. Im Nahrungsmittelhandel ist das etwas anderes: "Wenn es um den Lebensmittelhandel geht, da gibt es Bescheinigungen und Gesundheitsnachweise. Die Händler können nachweisen, woher die Produkte kommen. Und das ist etwas, was bei Privatpersonen an der Zollgrenze schwer festzustellen ist."
Wie lange es Privatpersonen verboten sein wird, Fleisch, Milch und Milchprodukte nach Schweden einzuführen, steht nicht fest. Das hängt von der Entwicklung der Maul- und Klauenseuche in Europa ab, so Ingbritt Irhammar. Sollte die Gefahr einer Übertragung des Virus steigen, kann sich die Landwirtschafts-Direktorin auch vorstellen, dass man Massnahmen ergreift wie im stark betroffenen England. Dort wurden Polizei- und Militäreinheiten herangezogen, um die Ausbreitung der Seuche zu bekämpfen. MKS 2001-04-02 2;||;46 Markus Wetterauer tys 3 Enttäuschung über US-Haltung zu Klima-Abkommen Der schwedische Umweltminister hatte bei seinem Besuch mit EU-Umwelt-Kommissarin Margot Wallström in Washington keinen Erfolg. Larsson und Wallström wollten Vertreter der Bush-Regierung überzeugen, dass sie doch noch das Kyoto-Abkommen zur Verringerung der Treibhausgase anerkennen. Aber die beiden Schweden scheiterten. In Sachen Umwelt wird das Klima zwischen der EU und den USA immer frostiger. Daran konnte auch der Besuch der beiden Schweden Kjell Larsson und Margot Wallström in Washington nichts ändern. Dem Vorsitzenden der EU-Umwelt-Minister und der EU-Umwelt-Kommissarin gelang es nicht, die neue amerikanische Regierung zu einem Meinungs-Umschwung beim Klimaschutz zu bewegen und bei der nächsten Runde im Sommer in Bonn wieder am Verhandlungs-Tisch zu sitzen.
"Es scheint ausgeschlossen, dass sich die USA an einem Abkommen in Bonn beteiligen oder das Kyoto-Protokoll annehmen," sagte ein resignierter Kjell Larsson nach den Gesprächen.
Das Abkommen von Kyoto sieht vor, dass die Industrie-Länder ihren Kohlendioxid-Ausstoss bis 2012 im Schnitt um gut fünf Prozent verringern. Als Ausgangswert gilt das Jahr 1990.
Die einzelnen Länder haben sich zu unterschiedlichen Werten verpflichtet: Dänemark und Deutschland zum Beispiel zu 21 Prozent, die USA zu 7 Prozent.
Andere Staaten wie Portugal, Griechenland oder Schweden können ihren Ausstoss sogar erhöhen. Entwicklungs-Länder wie Indien oder China sind an dem Abkommen überhaupt nicht beteiligt, und das ist der US-Regierung ein Dorn im Auge -- zusammen mit den hohen Kosten, wie Präsident George Bush unterstreicht:
"Wir werden nichts tun, was unserer Wirtschaft schadet. Die Menschen in Amerika stehen an erster Stelle. Ich werde das unseren Freunden erklären. Und es ist auch in deren Interesse, dass unsere Wirtschaft gut läuft."
Doch der schwedische Umwelt-Minister Kjell Larsson lässt keinen Zweifel daran: ein einzelnes Land könne das Abkommen nicht kippen. Er hofft, dass trotzdem eine Mehrheit zustande kommt. EU-Umwelt-Kommissarin Margot Wallström befürchtet dagegen, dass andere Länder dem Beispiel der USA folgen und ebenfalls einen Rückzieher machen. Und sie deutet an, dass die US-Regierung vor Wirtschafts-Interessen eingeknickt ist.
"Ich denke, dass die Glaubwürdigkeit sinkt, sowohl für die USA als auch für andere reiche Länder. Sie verpassen die Chance, Führungsstärke zu zeigen. Und so ist das eine grosse Enttäuschung für uns."
Unterdessen mehren sich in Schweden die Stimmen, die vor einer Veränderung des Klimas warnen. Nach Angaben der staatlichen Naturschutz-Behörde ist in den letzten zehn Jahren der Ausstoss von Treibhaus-Gasen um knapp zwei Prozent gestiegen. Betrachtet man allein den Auto- und Lkw-Verkehr, dann waren es sogar sechs Prozent.
Mehrere Regionen waren im letzten Jahr von extremen Überschwemmungen betroffen. Der Wasserspiegel im Vänern-See ist der höchste seit den dreissiger Jahren, und bei einem Stau-See im Norden wird der Damm erhöht, damit er die stetig steigenden Wassermassen fassen kann. Umwelt 2001-04-04 2;||;47 Gundula Adolfsson tys 3 Gemeinsame Agrarpolitik passé Sie ist schon jahrelang Gegenstand der Kritik, seit der Maul-und Klauenseuche und BSE besonders: Die Landwirtschaftspolitik der EU. Das Institut für Lebensmittelwirtschaft in Schweden schlägt nun eine Abkehr von der gemeinsamen Landwirtschaftspolitik der EU vor und will statt dessen den Spielraum für die Mitgliedsstaaten erhöhen. Ein entsprechender Bericht wurde auf einem Seminar vorgestellt. Schweden gehört danach zu den Ländern, die lieber heute als morgen mit der Reform der EU-Landswirtschaftspolitik beginnen würden. Bis zuletzt hatte Landwirtschaftsministerin Margareta Winberg gehofft, dass es auf dem Ministertreffen in Östersund vor 2 Wochen zumindest einleitende Maßnahmen geben würde. Aber die Minister bügelten ab. Bis 2006 bleibt alles beim Alten, erneut wurde die überfällige Reform aufgeschoben.
Der Bericht des Instituts für Lebensmittelwirtschaft unterstreicht die Haltung der schwedischen Regierung und bringt das Problem auf den Punkt: die Agrarpolitik der EU hat sich selbst überlebt. Wäre die Union heute gegründet, wäre die Landwirtschaft nicht Gegenstand einer gemeinsamen Politik geworden, meint Lena Johansson, Generaldirektorin des Instituts: "Die EU hat sich stark verändert, heute haben die Länder viel weniger Gemeinsamkeiten als das früher der Fall war. Außerdem stehen wir vor neuen Veränderungen, die ihrerseits die Landwirtschaft umgestalten werden."
Diese Veränderungen stehen durch die Osterweiterung ins Haus. Sie wird der EU neue Kosten bringen, u.a. im Umweltschutz. Die Agrarpolitik allein verschlingt aber bereits die Hälfte des jetzigen Haushalts und wird mit andern Worten zu teuer. Darüber hinaus passen viele der EU-Anwärter, z.B. Polen, nicht mit dem traditionellen Subventionssystem zusammen. Also, müssten die Regeln ohnehin geändert werden. Sonderregeln, etwa für neue Mitglieder, wären bereits das Ende der gemeinsamen Agrarpolitik.
Deshalb schlägt das Institut für Lebensmittelwirtschaft vor, die gemeinsame Agrarpolitik zu den Akten zu legen und den Mitgliedsstaaten die Souveränität über die eigene Landwirtschaft zu geben. In einer Übergangsphase, stellt man sich vor, solle der Rahmen beibehalten, der Spielraum für die Mitglieder jedoch schrittweise erweitert werden.
Bleibt als wichtigstes Hindernis der Reformwiderstand einiger starker Agrarnationen in der EU. Für Frankreich beispielsweise war das Versprechen einer gemeinsamen Agrarpolitik mit entsprechenden Subventionen der einzige Grund, der europäischer Gemeinschaft einst beizutreten 2001-04-22 2;||;48 Annette Streicher tys 3 Krawalle beim Treffen der EU-Finanzminister Mitte April 2001 sind die EU-Finanzminister in der südschwedischen Stadt Malmö zu einem informellen Treffen zusammen gekommen - das drittgrösste Ereignis, seit Schweden die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Überschattet wurde das Treffen der Finanzminister von heftigen Ausschreitungen zwischen der schwedischen Polizei und EU-feindlichen Demonstranten. Bei den Handgemengen wurde unter anderem der grüne EU-Parlamentarier Per Gahrton in Gewahrsam genommen - und die Vorgehensweise der schwedischen Polizei geriet ins Kreuzfeuer der Kritik.
Über die schwedischen Fernsehschirme flimmerten Bilder junger Demonstranten, die von der Polizei brutal behandelt wurden. Nach dem Polizeieinsatz wurde von verschiedenen Seiten Kritik laut - inwieweit und mit welchen Mitteln darf die Polizei bei einer legalen Demonstration eingreifen? Aufgerüttelt von den TV-Bildern wurde unter anderem der schwedische Justizminister Thomas Bodström. Es sei wichtig, die Vorfälle zu untersuchen, sagte der Minister. Er glaube aber nicht, dass der massive Polizeieinsatz nun dazu führe, dass das Vertrauen der Bevölkerung in das Rechtswesen ausgehöhlt werde.
Die Demonstration am Samstag war den Angaben zufolge zunächst friedlich verlaufen. Die Ausschreitungen begannen, als der Inhalt eines Feuerlöschers über ein Polizeipferd gesprüht wurde, Demonstranten Flaschen nach Polizisten warfen und Fackeln entzündeten. Dann wurden nach Augenzeugenberichten einige EU-Gegner von der Polizei nieder geschlagen. Ein junger Mann erhielt einen Faustschlag direkt ins Gesicht. Die Polizisten setzten Schlagstöcke ein. 266 Menschen wurden im Zuge der Auseinandersetzungen von der Polizei in Gewahrsam genommen, darunter Per Gahrton, schwedischer EU-Parlamentarier für die grüne Umweltpartei. Im Falle von Gahrton geht es jetzt darum, ob es überhaupt erlaubt war, den Abgeordneten kurzzeitig festzuhalten. Der Parlamentarier will untersuchen lassen, ob er in einem solchen Fall nicht Immunität geniesst und will iunter Umständen gegen die schwedische Regierung Beschwerde einlegen. Gahrton wirft zudem der Malmöer Polizei vor, durch ihr massives Aufgebot provoziert zu haben.
Der Malmöer Polizeichef Per Svarts will zwar die Vorwürfe prüfen, hat aber Gründe für das Vorgehen: "Da waren Aktivisten, die sich auf eine Auseinandersetzung mit der Polizei vorbereitet hatten. Sie haben sich maskiert und bewaffnet mit Schreckschusspistolen, Flaschen, Eiern, Ammoniakbomben und anderen Sachen und damit wurde nach der Polizei geworfen. Die Einsatzleitung vor Ort kam zu dem Urteil, dass man die Demonstranten nicht bis zum Marktplatz weiterziehen lassen konnte, wo die Finanzminister gerade Mittag assen. Deshalb war es nötig, kurzfristig einzugreifen."
Nach den Unruhen bei dem Finanzministertreffen muss die schwedische Regierung nun vielleicht um den Frieden bei weiteren EU-Treffen bangen - Mitte Juni steht das Gipfeltreffen in Göteborg an. Gleichzeitig hat das Treffen der Finanzminister selbst einen Vorgschmack darauf gegeben, wie EU-Verhandlungen in der Zukunft verlaufen könnten. Zum ersten Mal sassen in Malmö Finanzminister und Zentralbankchefs von 28 EU-Mitglieds- und Anwärterstaaten gemeinsam an einem Verhandlungstisch. Krawalle 2001-04-23 2;||;49 Axel Hammerl tys 3 EU soll offener werden: Recht auf Akteneinsicht in der Debatte Es gibt kaum etwas, worauf die Schweden so stolz sind, wie auf ihr Öffentlichkeitsprinzip. Jeder Mitbürger soll so viel wie möglich über das, was in den Behörden passiert, erfahren können. Geheime Dokumente sind die Ausnahme. Nun könnte es am 25. April unter der schwedischen Ratspräsidentschaft zu einem Abkommen darüber kommen, wie und in welchem Ausmass die EU-Dokumente in Zukunft veröffentlicht werden sollen. Das glaubt man zumindest in Schweden. Hierzulande ist man zuversichtlich, dass der mühsam ausgehandelte Kompromiss zwischen den EU-Mitgliedsländern in Brüssel Wirklichkeit wird. Drei Institutionen müssen sich dazu übereins sein: die EU-Botschafter der Mitgliedsländer, die EU-Kommission und der EU-Parlamentsausschuss für die Rechte der Mitbürger.
Für Schweden ist dabei die entscheidende Frage, ob ein EU-Mitgliedsland gezwungen werden kann, bestimmt Dokumente nicht zu veröffentlichen. Der schwedische EU-Botschafter Gunnar Lund dazu: "Wenn alles bis morgen so bleibt, dann sind wir auf dem Weg eine Lösung zu finden, die sehr zufriedenstellend ist für Schweden. Und die sieht so aus, dass man sich für die Akteneinsicht an die Institution wendet, von der ein bestimmtes Dokument kommt. Der endgültige Beschluss über eine Veröffentlichung bleibt aber dem Mitgliedsland vorbehalten, in diesem Falle Schweden."
Doch genau an diesem Punkt hat die EU-Kommission heute Kritik geäussert. Sie will dem Abkommen nur zustimmen, wenn EU-Recht in der Frage der Öffentlichkeit über nationales Recht geht. Und das würde bedeuten, dass Schweden unter Umständen EU-Dokumente nicht herausgeben darf, die nach der nationalen Gesetzgebung veröffentlicht werden könnten.
Diese Forderung der EU-Kommission aber wird weder von Schweden noch vom EU-Parlament akzeptiert. Dazu müsste Schweden nämlich eine Verfassungsänderung vornehmen, was äusserst unwahrscheinlich ist. Die Verhandlungen morgen werden also noch einmal hart und wie das Ganze ausgehen wird, ist doch ungewisser, als man in Schweden vorschnell urteilte.
So oder so hat Schweden innerhalb seiner Ratspräsidentschaft viel beigetragen für mehr Öffentlichkeit innerhalb der EU. Annika Söder vom schwedischen Aussenministerium: "Viele sagen, dass die schwedische Ratspräsidentschaft zu mehr Offenheit beigetragen hat, weil das Parlament, das ja nach mehr Offenheit strebt, sich trauen konnte, sich auf Schweden zu verlassen, da Schweden ja ein Land ist, das für Offenheit steht."
In der kniffligen Frage ist auch ein Treffen zwischen dem schwedischen Ministerpräsidenten Göran Persson und dem EU-Kommissionsvorsitzenden Romano Prodi nicht ausgeschlossen. Und Beobachter in Brüssel glauben, dass dann die EU-Kommission morgen klein bei gibt, um nicht als Sündenbock dazustehen. Öffentlichkeitsprinzip 2001-04-24 2;||;50 Markus Wetterauer tys 3 Streit um Akteneinsicht beigelegt Der langwierige Streit um mehr Offenheit in der Europäischen Union ist gelöst. Heute, am 25. April 2001, stimmten die EU-Kommission und ein Ausschuss des Europa-Parlaments einem Kompromiss-Vorschlag der schwedischen Ratspräsidentschaft zu. Danach können die Bürger in allen Mitglieds-Ländern in Zukunft den Antrag stellen, Dokumente, Regelungen und interne Arbeitspapiere der EU einzusehen. Britta Lejon freut sich. Für die schwedische Ministerin für Demokratie-Fragen ist klar: mit der neuen Regelung haben alle Bürger in der EU das Recht, einen Gross-Teil der EU-Dokumente einzusehen, die vorher nicht öffentlich waren.
Aber nicht alle sind so begeistert wie Lejon. Kritik kam beispielsweise von den Grünen-Abgeordneten im Europa-Parlament -- vor allem an der Regelung, nach der sensible Dokumente unter Verschluss bleiben können. Das könne dazu führen, dass viele Akten einfach als "geheim" eingestuft und nicht herausgegeben werden.
Deshalb freut sich die konservative schwedische Abgeordnete Charlotte Cederschiöld, dass die heute verabschiedeten Regeln in spätestenst drei Jahren nochmal auf den Prüfstand sollen. Dann kann kontrolliert werden, ob sie ihren Zweck erfüllt haben. Öffentlichkeitsprinzip 2001-04-25 2;||;51 Agnes Bührig tys 3 Bilanz vom Nyköpinger EU-Aussenministertreffen Der rote Teppich ist eingerollt, die Absperrzäune weggeräumt: Im mittelschwedischen Nyköping kehrt nach dem informellen Treffen der EU-Aussenminister wieder der Alltag ein. Zwei Tage ging es um die Osterweiterung der EU und das Gezerre um Übergangsfristen für die Freizügigkeit von Arbeitskräften. Aber auch die Meinungen der Beitrittskandidaten zur Zukunft der EU waren gefragt. „Wir geben den Versuch nicht auf, ein Datum für das Ende der Beitrittsverhandlungen festzuklopfen." Mit diesen Worten kommentierte die schwedische Aussenministerin Anna Lindh die Diskussionen über den Zeitpunkt für die Aufnahme neuer Länder in die EU. Bereits beim Gipfel von Nizza hatte man beschlossen, dass „die Neuen" an der EU-Parlamentswahl im Jahre 2004 teilnehmen sollen.
Das ist in letzter Zeit immer wieder hinterfragt worden. Schweden möchte seine Ratspräsidentschaft nutzen, nun Nägel mit Köpfen zu machen. Doch bis es soweit ist, gilt es, noch einige Nüsse zu knacken, das sind Fragen der Landwirtschaftspolitik und insbesondere der EU-Förderrichtlinien sowie die Freizügigkeit für Arbeitskräfte aus den neuen Staaten.
Einen unterschriftsreifen Kompromiss beim Thema Übergangsfristen brachte das Treffen am Wochenende nicht zustande. Zu unterschiedlich waren die Ansichten. Österreich und Deutschland, die an mehrere der neuen Mitgliedsstaaten grenzen, beharrten auf ihren sieben Jahren – Österreich drohte sogar mit einem Nein für die Osterweiterung, werde das Thema Arbeitseinwanderung nicht zufriedenstellend gelöst. Finnland sah sich plötzlich von verstärkter Arbeitskrafteinwanderung aus dem kulturhistorisch und sprachlich verwandten Estland konfrontiert. Darauf reagierte der estnische Aussenminister mit der Feststellung, dass Finnland auf der Wunschliste Auswanderungswilliger nicht gerade an erster Stelle stehe. Schweden und Dänemark hingegen können sich vorstellen, die Grenzen sofort für einwanderungswillige Arbeitskräfte aus dem Osten zu öffnen.
Doch der Disput wurde erst einmal abgebrochen. Jetzt hofft Aussenministerin Anna Lindh, am kommenden Montag in Brüssel einen gemeinsamen Weg zu finden. Dort findet das nächste Treffen der EU-Aussenminister statt.

Eine schnelle Einigung in der Sache ist wichtig für das Meinungs-Klima in den Beitrittsländern. Der tschechische Aussenminister Jan Kavan fasste das Problem zusammen, indem er an die EU-Altländer appelierte, die Bevölkerung seines Landes nicht zu EU-Bürgern zweiter Klasse werden zu lassen.
Auch bei der Diskussion um die zukünfige Form der EU gab es das gesamte Spektrum der Meinungen: Deutschland und Tschechien sprachen sich für ein föderales Modell aus, während Slovenien mit Blick auf die eigenen Erfahrungen als Teil Jugoslaviens die Eigenstaatlichkeit vorzieht. 2001-05-08 2;||;52 Agnes Bührig tys 3 Sicherheit für den EU-Gipfel in Göteborg In Vorbereitung für das EU-Gipfeltreffen in Göteborg haben Polizei und schwedischer Verfassungsschutz beobachtet, dass die Aktivitäten der EU-Gegner und Demonstranten zugenommen haben. Und sie bekommen aller Voraussicht nach Unterstützung von Gruppierungen, die im vergangenen Jahr in Prag und Nizza demonstriert haben. "Göteborgsaktion 2001" heisst eines der zwei Netzwerke, in dem sich die EU-Kritiker vor dem Gipfel zusammengeschlossen haben. Rund 70 Organisationen wollen sich an einer Plattform beteiligen, auf der sie am 15. und 16. Juni ihrem Protest gegen die EU, gegen Rassismus und Sexismus sowie Tierversuche Luft machen. Mit dabei sind auch etablierte Parteien wie die Linkspartei und die schwedischen Grünen mit ihren jeweiligen Jugendorganisationen. Die Volksbewegung "Nej till EU" ist den Schweden bereits aus der Zeit vor dem Beitritt des Landes vor sechs Jahren bekannt.
Der Verfassungsschutz SÄPO beobachtet die Vorbereitungen mit gelassener Aufmerksamkeit. Margareta Linderoth ist Chefin der Schutzabteilung von SÄPO: "Die Aktivitäten nehmen zu und die Polizei ist ein Gegner. Wir sorgen dafür, dass die kapitalistische Gesellschaft aufrecht erhalten wird. Und deshalb sind wir natürlich ein Feind. Dessen sind wir uns bewusst."
Seinen Protest an der Globalisierung auszudrücken, liegt derzeit im Trend, meint Linderoth. Doch die Polizei hat auch aus den Ereignissen von Malmö gelernt. Beim Finanzminister-Treffen der EU vor knapp einem Monat kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten. Festnahmen und Anzeigen waren die Folge. Um die Situation zu entspannen, lud Ministerpräsident Persson Vertreter der Anti-Globalisierungs-Bewegung Attac zu sich ins Büro. Sie forderte eine Diskussionsrunde mit Politikern, die via Grossbildschirm übertragen wird. Ausserdem will sie, dass eine Steuer für internationale Geldtransfers eingeführt wird, auch Tobinsteuer genannt.
Bei der SÄPO rechnet man mit 50 bis 100 Personen, die gewaltbereit sind. "Unter ihrer Flagge können andere Organisationen hinzukommen. Und das wird auch in Göteborg so sein. Es gibt viele, die keine Gewalt ausüben wollen, aber wenn die Situation sich hochschaukelt, entsteht ein Gruppendruck, der es schwer macht, sich richtig zu verhalten."
10.000 Demonstranten, so die Schätzungen der beteiligten Organisationen, werden auf dem EU-Gipfel in Göteborg erwartet. Bislang ist die Zusammenarbeit mit der Stadt noch gut. Da Hotels und Jugendherbergen seit Monaten ausgebucht sind, hat die Gemeindeverwaltung den Demonstranten aus aller Welt sogar angeboten, in öffentlichen Schulen zu übernachten. Krawalle 2001-05-16 2;||;53 Agnes Bührig tys 3 Polizeieinsatz Thema für EU-Gipfel-Nachlese An die eintausend vorübergehende Festnahmen, 27 Verhaftete, die des gewaltsamen Aufruhrs verdächtigt werden und fünf schwerer Verletzte im Krankenhaus – das ist die vorläufige Bilanz der Krawalle beim EU-Gipfel in Göteborg. Und während sich die einen noch die Wunden lecken und die Scherben zusammenfegen, geht im Land die Debatte um die Verantwortung für das Debakel weiter. Dialog ist gut, Polizeistärke besser – so lautet das Resümee aus den Krawallen beim EU-Gipfel in Göteborg. Die Regierung hatte auf das Gespräch gesetzt und vor Beginn des Treffens Vertreter der EU-kritischen Organisationen zum Austausch der Argumente getroffen. Doch als die friedlichen Demonstrationen in Krawalle umschlugen, halfen auch die guten Worte nicht mehr. Die Polizei rief nach Verstärkung, insgesamt 2000 Polizisten waren im Einsatz, um die Sicherheit der Stadt und ihrer Bürger zu gewährleisten.
Justizminister Thomas Bodström verteidigte diese Strategie: "Die Regierung hat den Dialog gewählt. Ihn fortzusetzen, finde ich sehr wichtig. Gewalt zu verhindern und zu bekämpfen, ist Aufgabe der Polizei. Und das hat sie im Großen und Ganzen gut gemacht. Es wäre wohl naiv gewesen, zu glauben, dass der Dialog allein reicht. Aber die Polizei hat versichert, dass sie sich ordentlich vorbereitet hat und sich dann auch dafür entschieden, mehr Polizisten nach Göteborg zu rufen. Und da mischt sich die Regierung nicht ein, wie die Polizei die Sicherheit gewährleistet."
Auch Polizeimeister Håkan Jaldung verteidigt die Strategie der Polizei. Beim Gipfeltreffen vergangenes Jahr in Nizza seien 15 000 Polizisten im Einsatz gewesen. Und auch dort seinen die Krawalle aus dem Ruder gelaufen, gibt er zu Bedenken. Zudem seien 2000 Polizisten in Schweden bereits 40 Prozent der Gesamtstärke im Land. Den Erfolg, der mit Wasserwerfern und Tränengas zu erreichen ist, hält er ebenfalls für begrenzt. Tränengas könne auch Unbeteiligte treffen, zum Beispiel wenn es über Klimaanlagen in die Häuser gelange.
Und richtig. Der Einsatz solcherlei Instrumentariums ist im kleinen Schweden etwas übertrieben. Das einzige Exemplar, das das Land besitzt ist aus den 50er Jahren und steht im Museum. Dennoch musste sich auch Ministerpräsident Persson die Frage nach Wasserwerfern und Tränengaseinsatz auf der abschließenden Pressekonferenz gefallen lassen: "Ich fand es nicht angemessen. Und nachdem wir gesehen haben, was passiert ist, müssen wir die Welt, in der wir leben, realistischer einschätzen. Ich möchte so etwas nicht noch einmal sehen. Und deshalb gibt es ab Montag eine Arbeitsgruppe, die das Geschehen analysiert und eine Auswertung für die Änderung der Gesetze vorlegt, die es möglich machen, solche Geräte zu benutzen, wie Sie sie beschrieben haben."
Leiter der angedachten Kommission soll der frühere Ministerpräsident Ingvar Carlsson werden. Neben der Frage, welche Geräte die Polizei einsetzen darf wird es auch um Einreiseverbote für ausländische Krawallmacher gehen und um das Vermummungsverbot. Während es in Dänemark und Deutschland verboten ist, sich auf Demonstrationen zu vermummen, lässt die schwedische Gesetzeslage dies bisher noch zu. "Naiv, zu glauben, dass der Dialog allein reicht..." - Justizminister Bodström Krawalle 2001-06-18 2;||;85 Hans-Peter Fischer tys 4 Hochschulen in der Krise Anfang Juli warten viele schwedische Schulabgänger besonders gespannt auf die Post: Dann haben die Hochschulen des Landes Ablehnungen und Aufnahmebescheide an die Studienbewerber verschickt. Das nahm die Aufsichtsbehörde, das Högskolverket, zum Anlass, Gewitterwolken am Hochschulhorizont vorauszusagen. Die Statistik verheisst Probleme für Schwedens Hochschulen: Das Högskolverket, die hiesige Hochschulbehörde, hat ermittelt, dass sich immer weniger Studieninteressierte an den Universitäten und Fachhochschulen bewerben. 8 Prozent weniger waren es in diesem Jahr, letztes Jahr sogar ganze 10 Prozent. Die geringen Bewerberzahlen werden vor allem die Hochschulen selbst vor Probleme stellen, meint Lennert Storle vom Högskolverket: "Für die Universitäten und Fachhochschulen kann das bedenklich werden, wenn sie Schwierigkeiten haben, Studenten anzuziehen. Das ganze System baut schliesslich auf den Studierenden auf, und viele Hochschulen können in wirtschaftliche Probleme kommen."
Wieviel Geld einer schwedischen Hochschule zur Verfügung gestellt wird, hängt von der Anzahl ihrer Studierenden ab. Wenn sich weniger Studienanfänger einschreiben als erwartet, verringert sich also auch der Finanzrahmen der betreffenden Hochschule: "Viele Hochschulen haben sich auf eine bestimmte Anzahl Studenten eingestellt, und jetzt stehen sie da mit Räumlichkeiten, Dozenten und Ausstattung, und das kostet alles Geld."
Die Zahl der Studienplätze liegt schon heute über der Nachfrage. Ob einige Hochschulen bei weiter sinkendem Interesse ihr Angebot vielleicht sogar kürzen müssen, ist noch nicht abzusehen. Die hohe Zahl der freien Plätze und die verhältnismässig niedrige Zahl der Bewerber bedeutet jedoch nicht, dass Studienwillige auch in jedem Fall das angestrebte Fach studieren können: Das Interesse ist ungleichmässig verteilt, immer weniger Schulabgänger wollen Lehrer werden, immer mehr dagegen Architekten. In einigen Fachbereichen wird es also auch weiterhin Absagen geben.
Verantwortlich für die Bewerberflaute ist nach Ansicht des Högskolverket die Wirtschaftslage in Schweden: Momentan sind gutbezahlte Jobs gerade in der Computerbranche auch direkt nach der Schule zu haben - ohne den Umweg über einen Hochschulabschluss gehen. 2001-07-10 2;||;55 Wiebke Pankauke tys 5 Silvia erinnert sich an 25 Jahre Ehe mit König Carl Gustaf Silberhochzeit - Zeit für Erinnerungen. Die Hochzeit mit König Carl dem 16. Gustaf am 19. Juni 1976 hat das Leben von Silvia Sommerlath völlig verändert. Die beliebte Monarchin blickt zurück. Als sie zum Altar der Stockholmer Storkyrka schritt und ihr Ja-Wort gab, hiess sie noch ganz einfach Silvia Sommerlath. Als sie die Kirche wieder verließ, war sie Königin Silvia von Schweden. Und das ist sie jetzt seit 25 Jahren. Dabei komme es ihr immer noch so vor, als ob die Hochzeit erst vorgestern gewesen sei, sagt sie: "Das war ein kristallklarer Tag für mich. Ich kann mich noch an alle Details erinnern. Es war ein phantastischer Tag. Da war so viel Wärme um uns herum, so viele Menschen, die man gesehen und getroffen hat, als wir mit der Kutsche im Ehrengeleit gefahren sind. Der König hatte sich gewünscht, dass ich das Diadem tragen sollte, das seine Schwestern Prinzessin Desiree und Birgitta getragen hatten. Das wollte ich natürlich sehr gerne, ich fand es wunderschön."
Silvia trug ein schlichtes weißes Dior-Kleid und einen Schleier mit langer Schleppe, König Carl der 16. Gustaf dunkle Admiralsuniform mit weißer Mütze. Die Bilder von der schönen neuen Königin gingen um die Welt. 180 000 Menschen jubelten an den Strassenrändern, und weltweit sahen etwa 500 Millionen der Zeremonie im Fernsehen zu. In Schweden erlebte die Monarchie einen gewaltigen Aufschwung. Dabei war Silvia Sommerlath eine Bürgerliche, Tochter eines deutschen Kaufmanns und einer brasilianischen Mutter. Wäre Carl Gustaf zur Zeit der Heirat noch Kronprinz gewesen, hätte er sein Anrecht auf den Thron verloren. Als König hatte er aber nach schwedischem Recht freie Wahl.
Geboren ist Silvia Sommerlath 1943 in Heidelberg. Nach einigen Jahren in Brasilien kehrt ihre Familie nach Düsseldorf zurück, wo Silvia das städtische Luisengymnasium besuchte. Bei einem späteren Besuch erinnert sie sich:
Bei den olympischen Sommerspielen in München 1972 trifft sie dann den schwedischen Kronprinzen Carl Gustaf. Sie arbeitet als Chef-Hostess und Dolmetscherin in der VIP-Loge. Angeblich hat sie Carl Gustaf durch sein Opernglas beobachtet und sich dadurch von der feierlichen Eröffnungszeremonie ablenken lassen. Mit dieser Anekdote beginnt eine zumindest nach aussen märchenhafte Liebesgeschichte. Niemals sei zwischen ihnen ein böses Wort gefallen, sagte Silvia neulich in einem Zeitungsinterview. Sie lernte Schwedisch, ihre 6. Sprache, was ihr nach eigener Aussage nicht leicht fiel. Aber schon zur Verlobung hörte das schwedische Volk mit herzlicher Anteilnahme zu, wie Silvia versuchte, ihr Glück auf Schwedisch auszudrücken.
Die öffentliche Meinung über Königin Silvia stieg weiter, als sich zeigte, dass sie auch bei offiziellen Staatsbesuchen mit ihrem unbefangenen Charme eine gute Botschafterin des Landes ist. Außerdem begann sie, sich auch für unbequeme Themen zu interessieren. Sie setzte sich vor allem für die Rechte von Behinderten ein, aber auch gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern. Und das, obwohl sie kritisiert wurde, sie habe kein Recht, in politischen Fragen so deutlich Stellung zu beziehen. Bei einem Kongress sprach sie von Kinderprostitution als "moderner Form der Sklaverei".
Das war eine große Frage, finde ich. Und sie ist international sehr verästelt. Ich fand es einfach wichtig, diese Frage aufzugreifen. Auch in Schweden haben wir schließlich gesehen, wie Kinder in so etwas hineingeraten können.
Das Privatleben im königlichen Schloss Drottningholm versucht das schwedische Königspaar so normal wie möglich zu gestalten. Die drei Kinder, Kronprinzessin Victoria, Prinz Carl Philip und Prinzessin Madeleine, haben staatliche Schulen besucht, und zu Hause gibt es genau so Würstchen vom Grill und Fernsehabende wie in jeder bürgerlichen Familie. Fast ein bisschen zu normal, finden manche Schweden. Doch wo die königliche Familie auch auftaucht, der Jubel ist immer groß. Silvia im Fernsehinterview: "Ich würde gerne ein großes Dankeschön an das schwedische Volk richten, das so unglaublich großzügig und freundlich war, als ich nach Schweden kam und durch all die Jahre. Und ich will von Herzen sagen, dass ich mich nicht nur willkommen fühle, sondern ich fühle mich zu Hause und hier im Land geliebt."
Die Zeitung Göteborgs Posten meint, die Entscheidung, Silvia Sommerlath zu heiraten, sei die beste Entscheidung gewesen, die der König jemals getroffen habe. Und weiter heißt es: Man wagt kaum, sich auszudenken, was hätte passieren können, wenn er damals in München sein Opernglas nicht mitgehabt hätte.
2001-06-19 - 18:10 2;||;56 Dieter Weiand tys 5 Nach Mückenplage wird neue Bekämpfung erprobt Der schwedische Sommer hat auch manchmal so seine schlechten Seiten. Zu diesen Schattenseiten gehören die örtlich auftretenden Mückenplagen. Im vergangenen Jahr mit einem feuchten, warmen Sommer, war es für manche Regionen besonders schlimm. So schlimm, dass dort jetzt eine gezielte Mückenbekämpfung geprobt wird. Niemand will aus einer Mücke einen Elefanten machen. Doch in Österfärnebo am Unterlauf des Dalälven war die Plage im vergangenen Jahr kaum auszuhalten. Maria Burk erinnert sich:"Das war schlichtweg ekelhaft und man kann das wohl kaum verstehen, wenn man nicht selbst hiergewesen ist und das miterlebt hat. Man konnte mitten am Tag nicht draußen sein. Bei strahlendem Sonnenschein und 25 Grad mussten die Kinder drinnen bleiben oder eben am ganzen Körper bekleidet sein. Man konnte nicht baden.... Ich kann mich erinnern als ich die Wäsche aufgehängt habe, der kurze Augenblick, als die Hand draußen war, um die Wäscheklammer zu setzen, uuu.. da waren schon 20 Mücken auf der Hand."
In der Gegend um Österfärnebo herrschte im vergangenen Jahr der Ausnahmezustand. Umweltminister Kjell Larsson kam damals höchstpersönlich, wenn auch verspätet herbeigeeilt, um sich von der Lage ein Bild zu machen. Und in diesem Jahr soll alles anders werden.
Von Hubschraubern aus soll eine neue Wunderwaffe zum Einsatz kommen. BTI der Name. Das Kürzel steht für Bacillus thuringiensis israelensis. Der in Israel entwickelte Mikroorganismus, greift den Darmkanal der Mückenlarve an. Der Vorteil dieser Bekämpfung liegt darin, dass hier nur die Stechmücken getötet werden, so die meisten Experten. Dies wird jedoch noch bezweifelt. Kritiker befürchten, dass andere Arten sehr wohl in Mitleidenschaft gezogen werden könnten.
Die zuständige Behörde hat jedoch jetzt grünes Licht für einen Test bei Österfärnebo und einer weiteren Region in Nordschweden gegeben.
Sehr zur Erleichterung der dortigen Bewohner. "Wenn diese Gegend sich entwickeln will, müssen die Mücken stark reduziert werden", meint Maria Bur. Sie sitzt in dem für wirtschaftliche Entwicklung zuständigen Komitee der Gemeinde. Eine weitere Mückenplage wäre ein schwerer Schlag für die Existenz der Gemeinde.
Doch scheint die Region jetzt aufatmen zu können. Denn auch die Natur kommt entgegen. Der Projektleiter der Mückenbekämpfung hat erklärt, dass es in diesem Jahr weitgehend weniger Mücken geben werde - aus natürlichen Gründen. Die Bekämpfung mit BTI wurde jedoch trotzdem durchgeführt. Schlieesslich will man zuverlässige Ergebnisse haben. Denn eines ist sicher - die nächste Mückenplage kommt bestimmt.
2001-06-20 - 14:47 2;||;57 Hans-Peter Fischer tys 4 Lars Nittve ist neuer Leiter des Moderna Museet Schlechtes Management und sinkende Besucherzahlen, das sind wohl die Hauptvorwürfe gegen die aktuelle Leitung des Moderna Museet in Stockholm, namentlich dem englischen Intendanten David Elliott. Der hat Ende April auch seinen Weggang nach Tokyo bekanntgegeben. Jetzt hat die schwedische Regierung einen Nachfolger präsentiert. Der Superstar der schwedischen Kunstwelt – mit solchen verbalen Lorbeeren bekränzt die schwedische Presse Lars Nittve, den aktuellen Chef des Londoner Kunstmuseums Tate Modern. Anlass für die Ehrung: Eine Pressekonferenz nicht in London, sondern in Stockholm, und eine Ankündigung Nittves. "Ich habe mit meinem Personal in London gesprochen, die waren schon ein bisschen überrascht, aber ich komme jetzt zurück nach Hause".
Lars Nittve verlässt seinen Posten als Leiter der Tate Modern in London und kommt nach 11-jährigem Exil in Malmö, Kopenhagen und London nach Stockholm – um die Leitung des hiesigen Moderna Museet zu übernehmen. Für Nittve schliesst sich damit in doppelter Hinsicht ein Kreis: Zum einen ist er hier aufgewachsen, zum anderen begann hier auch seine Museumskarriere – in eben just dem Museum, dessen Intendant er im November wird. Für Nittve fast so etwas wie ein später Triumph: 1990, nachdem er bereits vier Jahre als Vizeleiter gearbeitet, wollte man ihn nicht als Chef im Moderna – heute hat ihn die schwedische Regierung selbst darum gebeten. Diesem Wunsch kam Nittve prompt nach – und kündigte den laufenden Vertrag in London.
Dass Nittve der richtige Mann für den Job ist – das glaubt nicht nur die schwedische Kulturministerin Marita Ulvskog, sondern auch die Medien und, nicht zuletzt, die Kunstkritiker, z.B. Måns Hirschfeld: "Lars Nittve ist genau der richtige, um eine ganz neue Institution aufzubauen. Er kann auch seine Ansichten ausdrücken und am kulturellen Leben teilnehmen."
Eines von Nittves Hauptarbeitsgebieten wird zunächst allerdings wohl die wirtschaftliche Führung seines Hauses sein. Schlechtes Management hatte Nittve selbst dem Moderna in der Vergangenheit vorgeworfen, nun wird von ihm erwartet, hier neue und erfolgreiche Wege zu gehen, vor allem ein grösseres Publikum anzulocken. Eine der ersten Fragen, denen er sich als frischgebackener Museumsleiter stellen musste, war deswegen die nach freiem Eintritt. "Eine interessante Frage. Wir haben hier nicht diese Tradition, dass Museen freien Eintritt haben. Ich könnte aber eine Diskussion mit dem Kulturministerium führen um herauszufinden, was man dort davon hält. Aber das ist für mich keine der vordringlichsten Fragen", sagt Nittve.
Für Lars Nittve hat Vorrang, das Moderna Museet durch interessante aktuelle Ausstellungen attraktiv zu machen, denn der vorhandene Sammlung sei bereits sehr gut. Momentan träumt er davon, Werke von Salvador Dalí in das Moderna zu holen – oder einen neuen, frischen Künstler vorzustellen, der etwas zu zeigen hat, das so bisher noch nicht zu sehen war. "Ich sehe auch die Möglichkeit, die Arbeit fortzusetzen, die hier unter meinem Vorgänger David Elliott begonnen hat. Ich möchte das Moderna Museet in der Topliga der europäischen Museen etablieren."
Nittve steckt sich hohe Ziele – schliesslich wird die musealische Championsleague in Metropolen wie London und Paris u.a. zwischen Häusern wie dem Centre Pompidou und der Tate Modern ausgetragen. Davon zeigt sich Nittve wenig beeindruckt: In der kleinen Hauptstadt Stockholm hat er ganz andere Möglichkeiten, sagt er, hier könne man das Publikum noch richtig zum Staunen bringen. 2001-06-21 - 15:03 2;||;58 Axel Hammerl tys 1 Skandalprojekt Hallandtunnel soll weitergebaut werden Der Schienenverkehr ist umweltfreundlicher als der Strassenverkehr. Also mehr Güter weg von der Strasse auf die Schiene, dachte sich die schwedische Regierung in den 80er Jahren und beschloss, die Eisenbahnstrecke an der Westküste auszubauen. Dazu gehörte der Bau eines Eisenbahntunnels durch die Halland-Hügelkette im Südwesten Schwedens. Doch aus dem Umweltprojekt wurde ein Skandalprojekt. 1988 beschließt die Regierung den Bau eines Eisenbahntunnels durch den Halland-Bergrücken, der die Region Skåne von der Region Halland trennt. Die bestehende Strecke führte um den Bergrücken herum und war einspurig, nun sollte sie zweispurig werden und mitten hindurchgehen durch den Hallandsåsen. 1993 beginnt man mit den Bauarbeiten. Doch 1997 bekommt die Baufirma Skanska große Probleme mit in den Tunnel eindringendem Wasser. Das angewendete Dichtungsmittel Rhoca Gil führt zum Umweltskandal: der in ihm enthaltene Giftstoff Akrylamid gelangt in die umgebenden Gewässer, später auch ins Grundwasser, Tunnelarbeiter erkranken. Umweltschützer und Bauern protestieren, der Bau des Tunnels wird bis auf Weiteres gestoppt. Eine Regierungskommission beginnt, den Fall zu untersuchen.
Jetzt hat die Regierung entschieden, dass das umstrittene Projekt weitergeführt werden soll. Wirtschaftsminister Björn Rosengren:"Wir rechnen damit, dass das etwa 2 -3 Milliarden Kronen mehr kosten wird. Ein Drittel des Tunnels ist ja fertig und da ist es vernünftig, dass man den Bau zu Ende führt, unter akzeptablen Umweltschutzforderungen."
Der Bau des Tunnels hat bislang rund 2 Milliarden Kronen gekostet, doppelt soviel wie für die Gesamtkosten ursprünglich geplant war. Grund sind die aufwendigen Umweltsanierungen und die neue Dichtungsmethode, bei der der Tunnel mit einem bis zu einem Meter dicken Betonmantel abgedichtet wird. Die Methode ist zwar umweltfreundlich, doch Umweltschützer warnen vor einem weiteren Sinken des Grundwasserspiegels, wenn der Tunnel weiter gebaut wird. Die Grünen in Schweden sind daher auch gegen das Projekt. Eva Hallström aus der Parteiführung: "Es gibt kein Geld für den Weiterbau des Tunnels, wir werden auch keines genehmigen. Wir meinen, dass das Ganze stillgelegt werden muss. Wenn wir im Herbst im Parlament über Infrastruktur-Fragen diskutieren, wird es auch darum gehen. Die Milliarden, die für das Tunnelprojekt gebraucht werden, würden für andere Projekte verloren gehen. Außerdem ist der Tunnel auch aus Umweltschutzgründen völlig zu verwerfen."
An dieser Frage könnte also im Herbst die Zusammenarbeit zwischen Grünen und Sozialdemokraten scheitern. Aber vielleicht verhindert ja zuvor schon das Umweltgericht oder die betroffene Kommune den Weiterbau des Skandalprojektes. 2001-06-21 - 15:29 2;||;61 Axel Hammerl tys 6 Goldene Zeiten für IT-Beraterfirmen sind vorbei Noch im vergangenen Jahr konnten sich die IT-Beraterfirmen in Schweden ihre Dienste vergolden lassen. Nun gehen viele kräftig mit ihren Preisen nach unten, um überhaupt noch Kunden zu bekommen. Ein neuer Bericht vom Schwedischen Handel fragt, ob die Luft raus ist, aus dem IT-Ballon. Alles halb so wild, so ungefähr könnte man den Bericht des Schwedischen Handels zusammenfassen. Die IT-Branche nur mit ihren Aufs und Abs zu betrachten, sei falsch. Die wirtschaftliche Entwicklung sei in eine neue Phase eingetreten. Und dass viele neue IT-Firmen bei ihrem Start Probleme haben, bedeute nicht, dass die Kraft der Informationstechnologie aufgehört habe. Eine Börsenblase sei zerplatzt, aber die wirtschaftliche und technische Entwicklung gehe weiter.
Doch bei den IT-Konsult-Firmen sieht man das alles nicht so positiv. Viele von ihnen berichten, dass sie einem enormen Preisdruck ausgesetzt sind. Die Kunden warten mit ihren Bestellungen, weil sie genau wissen, dass es einen Verhandlungsspielraum gibt. Rolf Jansson, Geschäftsführer von der Beraterfirma Adera, kann das bestätigen:
"Ich habe die Zahlen von Kopenhagen: da sind die Beraterpreise von gut 1000 dänischen Kronen pro Stunde auf unter 400 Kronen gesunken. Und auch hier in Stockholm sehen wir, dass das ganz andere Preise sind als früher."
Nach Ansicht von Rolf Jansson kann das auch noch weiter gehen bis zu einer Halbierung der Preise auch hierzulande. Dem stimmt man auch auf der anderen Seite zu, bei den Kunden. Das Telekom-Unternehmen Skanova etwa lies verschiedene IT-Konsult-Firmen um den niedrigsten Preis wettstreiten und senkte damit seine Kosten um rund 20 Prozent. Einkaufschef Bo Bendrot:
"Ja, der Handelsspielraum ist größer geworden seit Jahreswechsel. Die IT-Berater müssen einfach weiter runter gehen mit ihren Preisen, um die Projekte zu bekommen, die es gibt. Vor etwa einem Jahr, da waren die Berater am Zug und wollten nicht weiter über niedrigere Preise diskutieren. Jetzt hat sich die Lage geändert. Bis zum Herbst werden wir die Preise weiter sinken sehen."
Des einen Freud, des anderen Leid. Aber die sinkenden Beraterpreise deuten doch darauf hin, dass es mit der Krise in der IT-Branche noch lange nicht vorbei ist. Auch wenn der Schwedische Handel in seinem neuesten Bericht die Lage positiv deuten will.
IT 2001-06-27 2;||;59 Markus Wetterauer tys 5 Gemeinden machen Werbeaktion für Zuzug Immer mehr Menschen ziehen in die drei grössten schwedischen Städte Stockholm, Göteborg und Malmö. Dagegen klagen die meisten mittleren Städte und erst recht die kleinen Gemeinden über dramatischen Bevölkerungs-Schwund. Immer mehr Gemeinden belassen es aber nicht beim Jammern, sondern versuchen mit besonderen Aktionen, den Trend umzukehren. Ein dickes Minus steht vor den Bevölkerungs-Ziffern der meisten schwedischen Gemeinden. Je weiter nördlich, desto dicker. Doch selbst Städte in der Nähe von Stockholm haben Grund zum Jammern. Roland Jakobsson von der Stadtverwaltung Arboga leitete deshalb im Herbst 2000 mit Kollegen aus den Nachbarstädten Köping und Kungsör eine Werbe-Kampagne im Stockholmer Hauptbahnhof ein:
"Wir müssen unsere Einwohnerzahl erhöhen. Wir sehen unsere Gemeinde als gute Alternative für Menschen, die ruhig und sicher wohnen und nach Stockholm pendeln möchten. Es ist kein Zufall, dass wir hier im Bahnhof stehen -- wir wollen Menschen erreichen, die zur Arbeit pendeln und angenehm wohnen möchten."
Gut anderthalb Stunden ist der Zug unterwegs von Stockholm in die drei Städte, die rund 150 Kilometer westlich der Hauptstadt liegen. Rechnet man die Zeit von und zum Bahnhof dazu, dann kommen schnell zwei Stunden zusammen -- jeweils morgens und abends. Doch Roland Jakobsson kontert: "Viele Firmen bezahlen die Monatskarte oder rechnen die Pendel-Zeit teilweise als Arbeits-Zeit an. Ausserdem gibt es viele Vorteile: das Wohnen ist billiger. Es ist leichter, ein eigenes Haus zu einem bedeutend niedrigeren Preis als in Stockholm zu kaufen. Die Kinder wachsen mit guter Betreuung auf; die Dienstleistungen stimmen und es gibt viele Aktivitäten. Wir glauben, dass das im Vergleich zum Stress und den hohen Preisen der Grossstadt Konkurrenzvorteile sind."
Die drei kommunalen Wohnungsbau-Gesellschaften sind bei der Werbeaktion von Arboga, Köping und Kungsör mit von der Partie. Denn mit preisgünstigeren Wohnungen können sie leichter Menschen aus Stockholm anlocken, als mit allen anderen Argumenten. Doch obwohl Wohnraum in der Hauptstadt äusserst knapp und äusserst teuer ist, hat die Einwohnerzahl dort in den letzten fünf Jahren um fünf Prozent zugenommen, während sie in den dünn besiedelten Gebieten um vier Prozent abnahm.
"In Stockholm ist die Arbeitslosigkeit gering und es ist leicht, einen Job zu bekommen. Aber es ist schwer, eine Wohnung zu kriegen. Und da fährt man doch lieber eine Weile zur Arbeit, wenn wir das mit der Wohnung regeln."
Für die kleineren und mittleren Gemeinden in Schweden ist es überlebenswichtig, dass die Einwohnerzahl nicht abnimmt. Denn ein Grossteil der Einkommensteuer fliesst direkt in die Gemeinde-Kasse. Jeder Einwohner weniger bedeutet auch weniger Geld. Doch es ist schwer, mit den Freizeit-Möglichkeiten und dem Kultur-Angebot der Hauptstadt zu konkurrieren. Auch der Arbeitsmarkt ist lange nicht so gut wie in Stockholm, wo Fachkräfte Mangelware sind und gut bezahlt werden.
"Das kommt drauf an. Ich kann nicht mit Arbeitsplätzen in Arboga prahlen. Aber mit guter Hochschul-Ausbildung gibt es auch bei uns Arbeit, unter anderem bei ABB und anderen Technologie-Firmen."
Für Roland Jakobsson und seine Kollegen hat sich die Werbe-Aktion im Stockholmer Hauptbahnhof ausgezahlt. Hunderte von Interessenten haben sie angesprochen, und etliche wollen den Schritt wagen und aufs Land ziehen.
Die Werbeaktion von Arboga, Köping und Kungsör ist nicht die einzige. Ragunda in der Region Jämtland zum Beispiel lockte neue Einwohner mit kostenloser Kinderbetreuung: anderthalb Jahre lang konnten die Kleinen umsonst den örtlichen Kindergarten besuchen. Das sparte den Eltern monatlich umgerechnet gut einhundert Mark pro Kind.
Mittelgrosse Städte mit kleiner Universität wie Piteå oder die Hochschule in der Region Dalarna rühren mit verschiedenen Angeboten die Werbetrommel für Studenten: kleinere Seminare und bessere Betreuung als an alten, rennomierten Hochschulen wie Uppsala oder Lund. Hinzu kommt ein garantiert preiswerter Platz im Studentenwohnheim. Die Gemeinden hoffen darauf, dass ihnen die Studenten auch nach dem Hochschulabschluss treu bleiben. 2001-06-25 - 16:03 2;||;60 Agnes Bührig tys 1 Rumänien zahlt Kreuger-Millionen zurück Was lange währt, wird endlich gut. Nach diesem Prinzip haben Schweden und Rumänien jetzt eine Angelegenheit beendet, die seit Ende der 20er Jahre die Diplomaten der beiden Länder in Atem gehalten hat. Damals hatte ein schwedischer Unternehmer Rumänien 27 Millionen Dollar geliehen. Doch eine Rückzahlung war bisher nicht erfolgt. Bisher. Wieviel Zinsen geben 27 Millionen Dollar, wenn man sie 1929 angelegt hat und heute, nach 72 Jahren bei der Bank wieder abholt? Dies ist eine Frage, die sich schwedische Diplomaten in den letzten Tagen durch den Kopf gehen lassen mussten. Anlässlich eines Besuches von Ministerpräsident Persson in der rumänischen Hauptstadt Bukarest ging es jetzt erneut um die Rückzahlung eines Kredites, den der Streichholzkönig Ivar Krueger dem Land vor 72 Jahren gewährt hatte. Und diesmal wurde man sich einig. 1,3 Milliarden Kronen, umgerechnet etwa 280 Millionen Mark soll die schwedisch-schweizerische Firma ABB bekommen, die Nachfolgerin des Kreuger-Konzerns Kreuger & Toll ist.
Für den Pressesprecher von ABB Schweden, Peer-Lennart Berg, ist das eine gute Nachricht: "Die Höhe der Summe kommentieren wir nicht. Was man sagen kann, ist, dass wir sehr froh sind, dass es vorbei ist. Denn wir unterhalten gute Verbindungen zu Rumänien und seine Unternehmen. Und wir glauben, dass wir diese mit dieser Handlung noch verbessern können.
Kein Wunder. Zwar wäre die Geldanlage von damals heute etwa acht Milliarden Mark wert. Doch der Kreeger-Konzern hat auch etwas dafür bekommen. Mit seiner großzügigen Leihgabe an den rumänischen Staat sicherte sich der Streichholzkönig damals das Monopol auf die zündenden Hölzchen in Rumänien. Und wäre der Kreditgeber nicht ein schwedisches Unternehmen gewesen, so Ministerpräsident Persson gestern in Bukarest, dann hätte man die Altschulden auch getilgt. So aber dürfte sich auch der schwedische Staat freuen. Schließlich ist auf diese Weise ein langer Verhandlungsmarathon zuende gegangen. 2001-06-25 2;||;62 Hans-Peter Fischer tys 5 Mit "Oden" zur Nordpolexpedition Die vier Dieselmaschinen an Bord des Eisbrechers Oden leisten 24.500 PS, sie sind also ungefähr 300 Mal so stark wie ein Kleinwagen. Damit kann die Oden eine bis zu 2 Meter dicke Eisschicht brechen, und gerade deswegen eignet sie sich besonders für die Aufgabe, die jetzt vor ihr liegt: Sie bringt ein Forscherteam direkt zum zugefrorenen Nordpol. Der Arm des gewaltigen hydraulischen Krans auf dem Heck des Eisbrechers Oden hebt sich langsam, an seinem Ende schwebt jetzt der Steg, der gerade noch vom Kai an Deck führte. Für die rund 50-köpfigen Besatzung gibt es nun kein Zurück mehr, gleich läuft der Eisbrecher Oden aus zu seiner zweimonatigen Fahrt an den Nordpol. An Bord ist auch Caroline Lek: „Ich habe jetzt natürlich gemischte Gefühle. Familie und Freunde zu verlassen ist schwierig, und auch den schwedischen Sommer hinter mir zu lassen, ist schwer. Aber wir begeben uns auf ein großartiges Abenteuer, wissenschaftlich gesehen ist das ein tolle Möglichkeit, wir haben ein gutes und nettes Team zusammengestellt.“
Caroline Lek ist Forschungsleiterin des größten Forschungsprojekts an Bord, sie untersucht den Zusammenhangs zwischen Sonneneinstrahlung und Klima. Ihr Hauptgegenstand scheint dabei den ganzen Aufwand gar nicht zu lohnen: Wolken. Als ob es davon in Schweden nicht genug gebe. Doch Caroline Lek winkt ab: Die Arktis – das ist ein viel besseres Forschungsgebiet. Zum einen, weil man eben noch nicht viel darüber weiß, und zum anderen, weil die klimatischen Verhältnisse dort extrem sind und von drei klar trennbaren Faktoren bestimmt werden: Dem Ozean, dem Eis und eben – Wolken. Was sich hier beobachten lässt, hat nach Meinung der Forscher Bedeutung über die eisigen Regionen des Nordpols hinaus. „Das ist wichtig, weil die Wolken die einfallende Sonnenstrahlung filtern, das spürt man an einem wolkigen Tag: Am Boden wird es kälter. Heute reden wir über den Treibhauseffekt und die dafür verantwortlichen Gase, wodurch sich die Erde erwärmt, und das könnte ein entgegengesetzter Regulierungsmechanismus sein. Wenn wir unterschiedliche Wolken schaffen, dann reflektieren die die Sonnenstrahlung zurück in den Weltraum, und das kann vielleicht zu einer Kühlung der Erdoberfläche beitragen. Und genau dieses delikate Gleichgewicht wollen wir erforschen, wie die Kräfte hier aufeinander wirken“, sagt Lek
Noch murmeln die gewaltigen Schiffsdiesel tief im Inneren des Rumpfs leise vor sich hin, Matrosen verstauen letzte Ausrüstungsgegenstände hochseegerecht, die Dixielandmusik aus den Bordlautsprechern geht in all dem unter. Dann steigt eine lange schwarze Rauchfahne aus dem steilaufragenden Schornstein der Oden, die letzten Leinen werden losgemacht und die Schiffsschrauben treiben das Wasser in einer großen Welle unter dem Heck hervor.
Langsam setzt sich der Eisbrecher in Bewegung und gleitet durch das stille Wasser des Stockholmer Hafens. Am Nordpol angekommen wird er ein schwimmendes Labor sein, die Arbeit dort wird Besatzung und Wissenschaftler stark beanspruchen. „Ich bin schon einmal dagewesen, es ist kalt, man muss sich gut anziehen, aber vielleicht ist das Wasser das schlimmste, weil es dort - 1,8 Grad kalt ist, das liegt am hohen Salzgehalt. Wir nehmen Luftproben, wir nehmen Wasserproben, und wenn man die Flaschen leert, berührt man das Wasser, und das ist richtig kalt“, meint Caroline Lek und lacht.
Zwei Monate lang müssen sich Caroline Lek und ihre Kollegen mit der arktischen Kälte abfinden, danach tritt die Oden die Rückreise an. Das werden die Forscher aber gar nicht mehr erleben: Sie machen sich auf den Heimweg, sobald sie ihre Untersuchungen abgeschlossen haben, nicht mit dem Eisbrecher, sondern einem Flugzeug – damit sie wenigstens noch ein bisschen vom schwedischen Sommer genießen können.
Persönlich können Sie zwar nicht an Bord der Oden sein, aber trotzdem lässt sich die Reise mitverfolgen: Im Internet wird jede Etappe und ein Teil der wissenschaftlichen Ergebnisse dokumentiert. Unter der Adresse www.polar.se können Sie sich also täglich auf den neuesten Stand der Forschungsreise bringen.
2001-06-26 2;||;63 Agnes Bührig tys 4 Nachruf für Muminautorin Tove Jansson Sie sind weiß und sehen aus wie Nilpferde auf zwei Beinen. Die Mumintrolle, die die finnlandschwedische Zeichnerin und Schriftstellerin Tove Jansson geschaffen hat. Heute starb sie im Alter von 86 Jahren, nach langer Krankheit. "Es passieren so viele total spannende Sachen. Und das ist einfach so toll", erzählt die vierjährige Sofie. In den Kitas und Grundschulen Schwedens sind die Mumintrolle keine Unbekannten. Jedes Kind kann eine Geschichte der berühmten Nilpferd-Familie mit dem offenen Haus erzählen, und am besten gleich noch die Namen der Hauptdarsteller runterrasseln: "Mumintroll, Schnarchfräulein, Klein-My, Mumin-Mamma und Mumin-Pappa", heißen die Hauptdarsteller der Mumin-Trollreihe, mit denen Tove Jansson berühmt wurde. Und die blühende Phantasie der Finnlandschwedin kommt nicht von ungefähr: 1914 wird sie als Tochter einer Zeichnerin und eines Bildhauers in Helsinki geboren. Die bildende Kunst im Kopf, bricht sie zum Studium nach Stockholm und Paris auf. Mit dem Schreiben der Mumintroll-Geschichten beginnt sie im finnischen Winterkrieg gegen die Sowjetunion 1939/40, als Gegensatz zu der schrecklichen Wirklichkeit. 1945 erscheint das erste ihrer Mumin-Bücher, mit selbst gezeichneten Trollen drin.
Wie so ein Stück einer Mumingeschichte sich anhören kann, hat sie Mitte der 80er Jahre einmal so formuliert: "An einem Augustabend geht Mumin-Mamma im Haus rum, um gute Nacht zu sagen, und guckt, ob alle Saft und Äpfel für die Nacht haben. Der Pappa bekommt Apfelwein ans Bett gestellt. Weil die Mutter außer Atem gekommen ist, setzt sie sich eine kleine Weile auf den Teppich, um zu verschnaufen. Sie öffnet die Luke zum Keller, aus der erfrischende kalte Luft strömt. Dann geht auch sie zu Bett." Doch Tove Jansson hat nicht nur für die Kleinen geschrieben und acht der Bücher selbst illustriert. Ende der 60er Jahre veröffentlichte sie mit „Die Tochter des Bildhauers" ihr erstes Buch für Erwachsene. Ihr letztes Werk für diese Altersklasse kam 1996 heraus.
Auch in anderen Medien waren ihre Werke erfolgreich. 1950 erschienen die Mumins als Cartoon-Serie in den London Evening News, im japanischen Fernsehen trieben sie in den 80er Jahren als Serie ihr Unwesen. Übersetzt wurden die Kinderbücher in über 30 Sprachen, von Katalanischen bis zum Chinesischen. Und natürlich gab es auch diverse gesungene Versionen über die runden weiße Mumins. 2001-06-27 2;||;64 Alexander Budde tys 1 Christdemokraten rüsten zur Wahl in einem Jahr Sie war einer der großen Gewinner der letzten Wahlen: Die Christlich-Demokratische Partei Schwedens. Das ist vor allem dem dienstältesten Parteichef des Landes, Alf Svensson zu verdanken. Nach bald 30 Jahren an der Spitze der Nischenpartei hat Svensson jetzt seinen Abgang angedeutet. Doch richtig brenzlig wird es auf dem Parteitag in Piteå noch aus ganz anderem Grund: Die Frauen fordern von ihren männlichen Parteifreunden ein Bekenntnis zum Feminismus.
Es sind die soziale Fragen - Gesundheit, Schulen und Kinderbetreuung - mit denen die schwedischen Christdemokraten Erfolg haben. Durch ihr Programm schimmert die Sehnsucht nach der heilen Welt. Und ihr Ruf nach einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft könnte auch von den wesentlich jüngeren Grünen kommen. Sprunghafte Wechselwähler verhalfen den Christdemokraten beim letzten Urnengang 1998 zu überraschenden 11 Prozent. Eine Verdreifachung des Stimmenanteils in nur vier Jahren.
Dahinter stecken vor allem die Fähigkeiten des dienstältesten Parteivorsitzenden Schwedens - Alf Svensson, der seit 1973 die Marschrichtung vorgibt. Ihm gelang es auch, das durch eine ablehnende Haltung zum Schwangerschaftsabbruch geprägte Image der Partei abzuschütteln und die Christdemokraten im Übrigen als aufgeklärte Wertkonservative zu präsentieren. Da ist es kein Wunder, dass sich viele Delegierte auf dem Parteitag in Piteå fragen, ob es ein Leben ohne Svensson gibt. Und während sich der alte Hase auf dem politischen Parkett noch unentschlossen gibt, wann der rechte Zeitpunkt für seinen Abgang gekommen ist, droht weiteres Ungemach. Die christdemokratischen Frauen fordern ein Bekenntnis zum Feminismus. Und das soll bitte schön auch im Parteiprogramm stehen. So wie bei vielen anderen Parteien in Schweden. Ulla Brit-Hagström vom christdemokratischen Frauenbund: "Wir denken, dass es sehr wichtig ist, formell die Bedeutung und den Inhalt des Feminismus in seinem ethischen Zusammenhang zu diskutieren bis hin zur Frage, wie ein christdemokratischer Feminismus sein sollte."
Ein Feminismus übrigens, mit dem sich durchaus vereinbaren lasse, dass sich Frauen lieber ums Kind kümmern, als der Karriere nachzugehen. Die überwiegend männliche Parteiführung hat gleich einmal "nej!" gesagt. Die Christdemokraten, eine feministische Partei? Undenkbar sagt Johann Höglund vom Parteivorstand: "Das ist doch bloß ein Etikett. In der Politik sind aber nur Inhalte wichtig. Wir sagen aber auch, dass es Anlass gibt, dass wir Christdemokraten mit dem Feminismus weiter arbeiten und die Gleichberechtigung kräftig vorantreiben."
Ein laues Bekenntnis, dass die Herren sich da abgerungen haben. Ärger ist also vorprogrammiert auf dem Parteitag in Piteå. Und am Ende steht vielleicht nicht gleich der Untergang der Partei aber ein wenig Sympathie von Schwedens Frauen. KD 2001-06-28 2;||;65 Alexander Budde tys 1 Politisches Sommertheater in Visby Fünf Parteichefs und eine Reihe Minister - das sind die Zugpferde der Almedalswoche in Visby auf Gotland, wo Mitte Juli - wie jedes Jahr im Sommer - die Parteien ihre Programme und Ansichten vorstellen. Ein Jahr vor den Reichtagswahlen nutzen die Parteien die Gelegenheit, sich zu profilieren. Die Tradition hatte der frühere Staatschef Olof Palme begründet. 1968 hielt er im Almedalen-Park an der Bucht von Visby vor verdutzten Fischern und Touristen eine politische Stehgreifrede von der Ladefläche eines Lasters aus. Seither ist das Spektakel aus dem politischen Leben nicht mehr wegzudenken. Als wichtigste Zukunftsfrage haben Parteien und Lobbyisten in diesem Jahr den Zustand des schwedischen Gesundheitswesens ausgemacht.
Das beste Konzept für Schule, Pflege und staatliche Fürsorge könnte über den Ausgang der Reichstagswahlen 2004 entscheiden, meint etwa Christdemokraten-Chef Alf Svensson. Schwedens dienstältester Parteiführer begründete in Almedalen noch einmal wortgewaltig seine Forderung nach einer staatlichen Finanzspritze für das notleidende Gesundheitssystem in Höhe von acht Milliarden Mark. In ihrem neuesten Strategiepapier fordern die Christdemokraten zugleich mehr Konkurrenz unter den Pflegediensten und Wahlfreiheit für die Patienten. Allzu lang, meint Svensson, hätten sich die Sozialdemokraten gegen die Modernisierung des Landes gesträubt: "Erst als sich die positiven Effekte der Sparmaßnahmen zeigten, begannen sich die Sozialdemokraten etwa für Privatisierungen zu interessieren. Jetzt tun sie so, als ob es die Sozialdemokraten gewesen wären, die schon immer an der Spitze der Bewegung standen. So tanzt der sozialdemokratische Bär Balou. Eine Regierung die aufschiebt und verdrängt, wird in der internationalen Wohlfahrtsliga immer hinterher stolpern."
Svensson schraube seine Forderungen nach zusätzlichen Mitteln aus dem Staatshaushalt immer höher, schallt es aus dem Lager der Sozialdemokraten zurück. Und sein Plan, die Steuerzahler mit einem Patientenpfennig an der Rettung des Gesundheitswesens zu beteiligen, habe wenig mit Wahlfreiheit und viel mit zusätzlicher Bürokratie zu tun.
Auch wenn die angereisten Ökonomen den statistischen Beweis schuldig blieben: Die Partei Göran Perssons hält an ihrem Credo fest, wonach eine Gesellschaft von Gleichen auch gut für die Wirtschaft sei. Während etwa die Vorsitzende der Zentrumspartei, Maud Olofsson, auf ihrem Debüt in Almedalen mehr Unterstützung für die kleinen und mittleren Unternehmen forderte, machten sich die Sozialdemokraten für einen Rückgang der Sozialhilfeempfänger stark.
Doch das richtige Wahlkampfthema scheinen wieder einmal die Christdemokraten besetzt zu haben. Pünktlich zur Almedalswoche veröffentlichte die Gewerkschaft der Angestellten in Pflegeberufen das Ergebnis einer Meinungsumfrage zum Thema. Demnach meint rund die Hälfte der Befragten, dass die Qualität des Gesundheitswesens in den letzten Jahren deutlich schlechter geworden ist. Und fast zwei Drittel fürchten, dass sie im Alter keine ausreichende Pflege erhalten werden, sollten sie ernsthaft krank werden. Der Wahlkampf ist eröffnet. Und am Ende waren es im Park von Almedalen auf Gotland nicht nur sozialdemokratische Bären, die tanzten. Wahlen 2001-07-11 2;||;66 Alexander Budde tys 3 Bilanz der schwedischen Ratspräsidentschaft Die Staats- und Regierungschefs sind abgereist und in Schweden wird die Europafahne eingerollt. Vom Juli an hat Belgien die halbjährlich rotierende Ratspräsidentschaft übernommen. Und anders als die Schweden sind die Belgier alte Hasen auf dem europäischen Kommandostand.
Schweden hat für seine Premiere beim EU-Vorsitz durchweg gute Noten von den europäischen Nachbarländern erhalten – weit über die üblichen diplomatischen Artigkeiten hinaus. Aber lassen sich die großen und kleinen Erfolge in Sachen Osterweiterung, Freizügigkeit und Umweltschutz auch in politisches Kapital gegenüber der eigenen Bevölkerung ummünzen? So richtig Europa-begeistert sind die Schweden auch nach der erfolgreichen Präsidentschaft nicht.
Gipfeltreffen in Göteborg. Auf den Strassen Tumulte, aber das Gruppenbild der EU-Granden zeigt zufrieden lächelnde Schweden. Das erklärtermaßen liebste Projekt der schwedischen Regierung ist geglückt. Gegen den mächtigen Widerstand von Deutschland und Frankreich steht nun ein konkreter Fahrplan für die Osterweiterung in der Schlusserklärung von Göteborg. Selten zuvor hatte das Land im hohen Norden ein ähnliches Gewicht in der internationalen Politik, wie im letzten Halbjahr.
Staatschef Göran Persson steht eigentlich nicht im Ruf eines begeisterten Europhilen.
Den Euro hat er - erst recht nach dem "nej" der Dänen - auf Jahre vertagt. Und seine Gedanken zum Kontinent breite der Sozialdemokrat, wenn überhaupt, in abgehobenen Herrenrunden hinter verschlossenen Türen aus. Das wirft ihm der Politologe und außenpolitische Berater Olof Petersson vor. Als Ratspräsident habe der oft blasse Premier dann doch eine gute Figur gemacht, meint Petersson: „Im letzten Halbjahr ist die EU verstärkt als einheitlicher Akteur aufgetreten. Wo sogar die großen Länder wie Deutschland, Frankreich und England die Schweden die Initiative ergreifen ließen, natürlich gemeinsam mit Mr. Europa, Jávier Solana. Und die schwedische Außenministerin und der schwedische Ministerpräsident waren aktiv, wenn es um den Nahostkonflikt, den Balkan, Nordkorea oder die Beziehungen zu den USA gegangen ist. Wichtige und schwierige Fragen für die Außenpolitik der EU."
Doch lassen sich die Erfolge auf dem internationalen Parkett auch der eigenen Europa-skeptischen Bevölkerung verkaufen? Göran Persson bleibt diplomatisch:
"Wenn man in den EU-Vorsitz hineingeht, nur um die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber der EU zu verbessern, dann wird man etwas unglaubwürdig als Ratspräsident. Allerdings habe ich schon gehofft, dass die Schweden durch den Vorsitz mehr über die EU erfahren und ich denke, so war das dann auch."
Zehn Jahre sind vergangen, seit sich Schweden ohne Leidenschaft vom Modell des neutralen Wohlfahrtsstaates Abschied nahm und in Brüssel an der Tür klopfte. Die eigene Unionsmitgliedschaft beurteilen die Schweden skeptisch wie sonst nur die Briten. Und glaubt man den jüngsten Umfragen, so hat sich daran auch im letzten Halbjahr wenig geändert.

Eine Mehrheit lehnt die Mitgliedschaft des Landes in der EU weiterhin ab. Brüssel bedrohe die letzten Errungenschaften des Sozialstaates heißt es etwa und für die Probleme der Welt habe das gute alte Schweden noch immer eigene Rezepte gefunden.
Auf den Strassen ist die Meinung gespalten. Viel Überzeugungsarbeit noch, für die schwedische Regierung, die sich erst einmal einen ausgiebigen Sommerurlaub gönnt. Und den Belgiern darf man viel Glück wünschen, mit den Herkulesaufgaben, die ihnen Schweden nun erleichtert aufbürden kann. EU 2001-07-01 2;||;67 Agnes Bührig tys 1 Sozialdemokraten uneinig über Nahen Osten Bei den Sozialdemokraten ist ein Streit über die Nah-Ost-Politik der Regierung ausgebrochen. Der frühere Außenminister Sten Andersson hat Ministerpräsident Persson einen zu unkritischen Kurs gegenüber Israel vorgeworfen. Es sind Kleinigkeiten, die in diplomatischen Kreisen zu Verstimmungen führen können. Etwa, in welcher Reihenfolge ein Staatsgast empfangen wird. Als Ministerpräsident Göran Persson im Mai mit PLO-Führer Arafat zusammentraf, hatte dieser bereits eine andere wichtige Persönlichkeit schwedischer Politik getroffen: Sten Andersson, früherer Außenminister und persönlicher Freund von Arafat. Als Andersson dem Regierungschef jetzt auch noch vorwarf, Schwedens Nahost-Politik sei zu Israel-freundlich, kam es zur Auseinandersetzung.
Ein Vorfall, den Persson nicht hochkochen möchte: "Ich glaube, sein Handeln ist äußerlich, mit Unterstützung des Außenministeriums und der Behörde für Entwicklungshilfe in Zusammenhang mit dem Olof-Palme-Zentrum. Es wäre doch komisch, wenn er keinen konstruktiven Einsatz geleistet hätte. Davon gehe ich wirklich nicht aus."
Hintergrund sind die unterschiedlichen Marschrouten in der Haltung zu Israelis und Palästinensern. Sten Andersson war von 1985 bis 91 Hausherr des Außenministeriums, in einer Zeit also, in der Schweden eine gewisse Bedeutung im Friedensprozess inne hatte. Die Außenpolitik war von den Ansichten Olof Palmes geprägt, der sich für die dritte Welt stark machte, für Abrüstungs- und Sicherheitsfragen, und deutlich palästinenserfreundlich war.
Ganz anders Göran Persson: Er war im vergangenen Halbjahr als Ratsvorsitzender in der Pflicht, die Politik in der EU anzuführen. Schwedens Definition von Neutralität wird zunehmend aufgeweicht, nicht zuletzt durch die EU-Eingreiftruppe, zu der Mannschaft und Maschinen beigesteuert werden sollen.
Persson und Andersson vertreten also unvereinbare Meinungen, die nur noch mit Hilfe Dritter beigelegt werden können, vermutet der frühere Außenminister: "Wenn man in der Parteileitung so darüber gesprochen hat, wie berichtet wird, dann geht es nicht um ein Gespräch zwischen ihm und mir, das eine Lösung geben kann. Dann muss sich die Parteileitung einschalten. Ich bin davon überzeugt, dass ich nichts gemacht habe, was unsere Möglichkeiten geschmälert hätte."
Andersson will jetzt in einem Brief an die sozialdemokratische Parteileitung seine Kritik an Perssons Nahost-Politik genauer ausführen. Persson selbst will sich dafür einsetzen, die Problematik unter vier Augen zu bereden. Nahost 2001-07-05 2;||;68 Sybille Neveling tys 5 Polizistenmörder gesteht nach zwei Jahren Der Ortsname Malexander ist im Juli 2001 erneut ins Bewusstsein der Schweden gerückt. 1999 waren in der Ortschaft ungefähr 180m Kilometer südwestlich von Stockholm zwei Polizisten ermordet worden. Der Fall hat in Schweden aus zwei Gründen besonderes Aufsehen erregt. Zum einen war es die Brutalität der Polizistenmörder, die viele schockierte, zum anderen die Zugehörigkeit der Täter zur Neonazi-Szene. Zwei Jahre später gestand einer von ihnen die Tat. Am 28. Mai 1999 verübten drei einschlägig vorbestrafte Kriminelle, Tony Olsson, Jacki Arklöv und Andreas Axelsson einen Bankraub im Städtchen Kisa und erschossen später beim Durchbrechen einer Straßensperre in Malexander zwei Polizisten.
Vor Gericht bestritten alle drei die tödlichen Schüsse abgegeben zu haben. Arklöv behauptete sogar, dass er zur Tatzeit überhaupt nicht in der Gegend gewesen sei. Das Amtsgericht Linköping befand dennoch alle drei im Januar 2000 für schuldig: keine der Darstellungen, die Angeklagten über das Geschehen in gemacht hätten, könne wahr sein, hieß es in der Urteilsbegründung. Wer die Polizisten erschoss, sei nicht festzustellen. Aber das hatte nach Ansicht des Gerichts auch keine juristisch entscheidende Bedeutung. Die Täter hätten gemeinsam die Gefahren eines Feuergefechts mit dem Tod der beiden Polizisten als Folge begriffen.
Auch die Einstellung der drei zur demokratischen Gesellschaft war ausschlaggebend gewesen. Alle haben ihren Hintergrund in der Neo-Nazi-Szene. Die Angeklagten hätten sich einer gewaltverherrlichenden Ideologie bedient. Die brutalen Morde seien ein klarer Angriff auf zentrale Funktionen einer demokratischen Gesellschaft, stellt das Gericht in seiner Urteilsbegründung fest.
Das Urteil war eine Sensation. Sonst waren nämlich Angeklagte, die einander die Schuld an Kriminaltaten gegenseitig in die Schuhe schoben regelmäßig frei gesprochen worden.
Das Oberlandesgericht bestätigte das Urteil im Sommer 2000. Seitdem haben die Verurteilten vergeblich versucht, eine Wiederaufnahme ihrer Verfahren zu bewirken.
Im Mai 2001 zeigte das Schwedische Fernsehen einen Dokumentarfilm über das Geschehen in Malexander. Darin gesteht Jacki Arklöv erstmals die Teilnahme am Bankraub in Kisa. Beschuldigt aber seinen Komplizen Tony Olsson indirekt der tödlichen Schüsse auf die beiden Polizisten in Malexander. Es folgten erneute Polizeiverhöre und nun hat Arklöv die Morde gestanden: „Nachdem ich dem verwundeten Axelsson ins Auto geholfen hatte, schoss ich mit den Dienstwaffen der Polizisten“ sagt Arklöv gegenüber dem Schwedischen Fernsehen. „Weder Andreas Axelsson noch Tony Olsson haben die letzten Schüsse abgegeben. Das war ich.“
Jacki Arklöv war beim Prozess vor dem Amtsgericht einer rechtspsychiatrischen Untersuchung unterzogen wurde. Die ihm volle Schuldfähigkeit bescheinigte. Keine Verwirrung zur Tatzeit also. Heute nennt Arklöv seine Vergangenheit als Fremdenlegionär in Bosnien als Grund für sein Handeln: „Man hat dort ja sehr starke Erlebnisse gehabt, das hat mich sehr beeinflusst. Und in einer ähnlichen Situation reagiert man dann ohne zu denken, so wie es einem beigebracht worden ist. Ich habe bisher ja bestritten, dass Bosnien mich beeinflusst hat, aber jetzt sehe ich ein, dass ich dadurch Schaden erlitten habe“, gibt Jacki Arklöv zu Protokoll.
Warum er sich nun doch entschlossen die kaltblütigen Morde zu gestehen? Darüber schweigt Arklöv beredt.
Malexander 2001-06-27 2;||;69 Alexander Budde tys 1 Einwanderer haben es im Berufsleben schwer Schweden hat einige ehrgeizige, jedoch ziemlich erfolglose Versuche unternommen, die Diskriminierung im Arbeitsleben zu bekämpfen. Viele Einwanderer lassen ihren Namen ändern, damit er schwedischer klingt. Aber selbst gut ausgebildete Fachkräfte haben es schwer, auf dem schwedischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Das Arbeitsamt legte jetzt neue Zahlen vor. Und die sind alarmierend. Selbst mit exzellenten Sprachkenntnissen haben es gut ausgebildete Einwanderer schwer, auf dem schwedischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Das belegt die erste umfassende Untersuchung, die das Arbeitsamt jetzt vorgelegt hat. Demnach haben gerade einmal 39 Prozent der im Ausland geborenen Akademiker eine Position inne, die ihrer Qualifikation angemessen ist. Und nur eine Minderheit unter den Zugewanderten arbeitet im erlernten Beruf. Zum Vergleich: 85 Prozent der im Land geborenen Hochschulabgänger haben eine ihrer Ausbildung entsprechende Anstellung. Anders Johansson, Generaldirektor des schwedischen Arbeitsamtes:
"Das beruht nicht auf der Sprachkompetenz und das liegt auch nicht an fehlender Ausbildung oder daran, dass die jeweilige Qualifikation in Schweden nicht gefragt ist. Man muss einfach feststellen, dass es hier um Kultur und Einstellungen geht und dass man hier oft über Netzwerke und persönliche Kontakte in den Beruf kommt, was es für Ausländer außerordentlich schwer macht, Fuß zu fassen."
Hinsichtlich der Einwanderung von Arbeitskräften hat sich Schweden in den letzten Jahren sehr restriktiv verhalten. Da half auch nicht, dass Unternehmer und Verbände fast geschlossen für einen Abbau bürokratischer Hemmnisse warben. Gerade in Zukunftsbranchen wie der Biotechnologie und Telekommunikation ist das Land auf ausländische Spezialisten angewiesen. Doch der Ruf nach weiteren Spitzenkräften aus dem Ausland wird unglaubwürdig, wenn die Unternehmer nicht auch Verantwortung für die Integration der Zuwanderer übernehmen, meint Johansson. Zwischen 1991 und 1997 kamen rund 17 000 Akademiker aus Nicht-EU-Ländern nach Schweden. Im Schnitt sind die Zugewanderten heute zwischen 26 und 45 Jahre alt. Rund 10 000 dieser Einwanderer, so die Schätzungen des Arbeitsamtes, sind für ihre Arbeit überqualifiziert, arbeitslos oder befinden sich in Weiterbildung. Einige von ihnen absolvierten noch einmal ein schwedisches Studium, wie der Unternehmensberater Slatko Salcic, der aus Bosnien stammt:
"Ich habe fast 15 Jahre als Anwalt in Bosnien gearbeitet. Doch als ich herkam, stellte man fest, dass mein Diplom in Schweden nichts gilt. Da habe ich mich entschlossen, noch einmal Jura zu studieren. Ich habe das ganze Juristenstudium noch einmal an der Stockholmer Universität absolviert. Deshalb bekam ich hier Arbeit. Mein bosnisches Diplom ist in Schweden nichts wert."
Slatko Salcic arbeitet heute als Unternehmensberater in Stockholm. Was der gestandene Jurist bei seiner Einreise nach Schweden erlebte, ist kein Einzelfall. Aber selbst, wer wie Salcic ein schwedisches Studium absolviert, hat es auf dem Arbeitsmarkt nicht unbedingt leichter. Nach dem Bericht des Arbeitsamtes haben nur 65 Prozent der Ausländer mit schwedischem Hochschuldiplom eine qualifizierte Anstellung gefunden. Auf ihrer Parteikonferenz auf der Insel Gotland haben sich die regierenden Sozialdemokraten unterdessen für eine verstärkte Zuwanderung ausgesprochen. Schweden sei insbesondere auf Fachkräfte im Gesundheitswesen, bei den Pflegediensten und im Bereich der Zukunftstechnologien angewiesen, hieß es. Einwanderer 2001-07-12 2;||;70 Wiebke Pankauke tys 1 Dosenpfand in Schweden nichts Neues Die generelle Einführung eines Dosenpfandes ist in Deutschland im Bundesrat gescheitert. In Schweden gibt es dagegen schon seit 1982 ein Zwangspfand auf Aluminiumdosen und seit 1993 auch auf Plastikflaschen. Den Schweden ist die Routine schon längst in Fleisch und Blut übergegangen. Wer einkaufen geht, nimmt mit, was an leeren Dosen und Plastikflaschen unter der Spüle lagert, und füttert damit die mannshohen Automaten, die in der hinteren Ecke der meisten schwedischen Supermärkte stehen.

Mann: „...wann ich Zeit habe, ich spare alles in einer Plastik, und wenn es übervoll ist, muss ich nach hier gehen.“
Frau: „Ich selbst bin sehr ordentlich. Ich bringe alle Flaschen und Dosen zurück. Ich glaube, das tun wohl die meisten. Das System funktioniert ziemlich gut. Wir sind so diszipliniert in Schweden (lacht). Nun bin ich alleinstehend, da sind es nicht ganz so viele Sachen. Aber im Sommer hat man ja meist diese großen Mineralwasser-Flaschen, also ich bringe meist Flaschen zurück.“

Schon 1982 beschloss das schwedische Parlament ein Gesetz, nach dem 90 Prozent der Aluminiumdosen recycelt werden müssen. Seit 1993 sind auch nicht-wiederbefüllbare Plastikflaschen, die sogenannten PET-Flaschen, eingeschlossen. Wie das Gesetz umgesetzt wurde, überließen die Politiker den Brauereien, Abfüllern und dem Handel. Und die einigten sich auf eine Kooperation. So entstand die Svenska Returpack, eine Non-Profit-Organisation, die für die Verwaltung des Pfandsystems zuständig ist. Jährlich überweist sie zwei Millionen schwedische Kronen, also etwa 430 000 Mark, an die Stiftung "Haltet Schweden sauber".
Für den Kunden ist die Sache einfach: Er bezahlt 50 Öre, also etwa 11 Pfennig, pro Dose und 1 bis 2 Kronen, also bis zu 40 Pfennig pro Flasche, mehr. Und die bekommt er dann im Supermarkt gutgeschrieben. Über die Dosen, die trotzdem im Freien liegen bleiben, freuen sich meist Kinder, die mit dem Pfand ihr Taschengeld aufbessern.
Lars Agö ist Leiter einer Supermarktfiliale in Stockholm. 10 000 Dosen und Flaschen, so schätzt er, werden in seinem Supermarkt pro Woche zurückgegeben. Auch er glaubt, dass das System gut funktioniert, aber: „Es gibt immer wieder Probleme mit den Maschinen. Das weiss ich von den Filialen, in denen ich gearbeitet habe. Es gibt ständig neue Modelle, und die sind dann nicht richtig programmiert oder eingestellt. Dann fallen Flaschen und Dosen um, und der ganze Apparat wird nass und klebrig.“
Nicht nur Supermarktbetreiber ärgern sich. Ausländische Hersteller haben auf dem schwedischen Markt kaum eine Chance, weil das Pfandsystem nur Verpackungen erkennt, die mit einem speziellen Strichcode gekennzeichnet sind. Und auch bei den Bürgern geht die Akzeptanz zurück. Obwohl immer noch mehr als 90 Prozent der Dosen zurückgegeben werden, sinkt ihre Zahl seit einigen Jahren doch stetig, von fast 97 Prozent 1996 auf knapp 92 Prozent im vergangenen Jahr. Umwelt 2001-07-12 2;||;71 Alexander Budde tys 5 Geburtsstationen überlastet Wer den Sommer über in Schweden bleibt, sieht sich vor kaum lösbare Probleme gestellt. Die meisten Fachgeschäfte, Apotheken und Arztpraxen sind geschlossen und in vielen Landstrichen mangelt es an Polizisten. Im Notfall müssen einige Streifenwagen bis zu 300 Kilometer zum Einsatzort fahren. Richtig gefährlich wird es aber für werdende Mütter, bei denen sich Komplikationen abzeichnen. Weil die schwedischen Entbindungsstationen überlastet sind, werden Frauen in Hunderte Kilometer entfernte Kliniken gefahren. Und immer öfter müssen Schwedinnen ihre Kinder im Ausland zur Welt bringen. Die Schweden sind eine kinderfreundliche Gesellschaft. Diesen Ruf hat sich das Land mit vorbildlichen Regelungen zum Erziehungsurlaub und zum Kindergeld erworben. Doch wenn es um werdende Mütter geht, wird Schweden diesem Ruf derzeit kaum gerecht. Schuld ist der Personalmangel im schwedischen Gesundheitswesen, insbesondere in den Sommermonaten. Auf den Entbindungsstationen sieht es besonders schlimm aus.
Frauen aus Stockholm etwa, für die es in der Hauptstadt keine Betten mehr gibt, werden bis ins 150 Kilometer entfernte Örebro gefahren. Und Ende vergangener Woche wies die Frauenklinik im Stockholmer Stadtteil Danderyd das Personal an, die Mütter spätestens sechs Stunden nach der Entbindung nach Hause zu schicken.
Die Verkürzung des Klinikaufenthalts für Mutter und Kind sei nicht ungewöhnlich, meint Margareta Nyman, Oberärztin der Frauenklinik. Bedenklich sei jedoch der Umgang mit Frauen, deren Schwangerschaft problematisch verläuft und bei denen Komplikationen bei der Geburt zu befürchten sind. Sie selbst hat solche Patientinnen, die sich ohnehin Sorgen um ihr Kind machten, bis ins dänische Kopenhagen oder gar ins finnische Helsinki verlegen müssen. Schuld seien vor allem der Personalengpass auf den Entbindungsstationen, aber auch fehlende Beatmungsgeräte und Brutkästen.
Der gesundheitspolitische Sprecher der Christdemokratischen Partei, Stig Nyman, kündigt für Stockholm eine erste Hilfe an. Rund 20 Millionen Mark zusätzlich will die Hauptstadt in den nächsten zwei Jahren in die Geburtsstationen investieren, um den größten Mangel zu lindern. Ein schier unlösbares Problem sei es aber, so Nyman, geeignetes Fachpersonal im Gesundheitswesen anzuwerben. Einstweilen und um ganz sicherzugehen, dass sie in guten Händen seien, müsse er Schwedens Müttern schweren Herzens eine Reise nach Helsinki empfehlen. 2001-07-10 2;||;72 Agnes Bührig tys 3 Haftstrafe für Krawallmacher in Göteborg Sechs Monate Gefängnis, so lautet das Urteil des Göteborger Kriminalgerichts gegen einen 19-jährigen Deutschen. Er hatte sich schuldig bekannt, an den Ausschreitungen gegen den EU-Gipfel in Göteborg Mitte Juni beteiligt gewesen zu sein. Das heutige Urteil ist das erste, das im Zusammenhang mit den schweren Krawallen ergangen ist. Doch dem jungen Mann, der seit einem Monat im schwedischen Gefängnis sitzt, drohen noch weitere Anklagen.
Auf einem Videoband der Polizei ist zu sehen, wie Sebastian S. Steine und Gegenstände auf Polizisten wirft. Das Band hatte bei der Verhandlung in der vergangenen Woche eine zentrale Rolle gespielt. Ja, er habe Steine geworfen, räumte der 19-Jährige Abiturient aus Nordrhein-Westfalen in der Verhandlung ein. Aber nein, er sei nicht nach Schweden gereist, mit dem Ziel des organisierten gewaltsamen Aufruhrs, wie in der Anklageschrift behauptet. Er hat sein Vorgehen damit erklärt, dass er spontan in die Krawalle hineingezogen wurde, heißt es in der heutigen Urteilsbegründung. Das Gericht nennt die Ausschreitungen am 15. Juni einen "brutalen Angriff auf alle demokratischen Werte, die in einem Rechtsstaat gelten". Das vergleichbar harte Urteil führt Anwalt Claes Östlund auch auf die zahlreichen Medienberichte im In- und Ausland zurück.
"Es gab einen großen Medienrummel. Das ist ja bis in die Wohnzimmer der Leute gelangt. Das ist vielleicht das erste Mal gewesen, dass die Leute ein Verbrechen vor laufender Kamera gesehen haben. Alle sind empört, wenn sie so etwas sehen. Und das hat natürlich auch einen gewissen Einfluss auf das Gericht."
Sebastian S., dem von einem Polizisten ins Bein geschossen worden war, ist nur einer von rund 40 Inhaftierten seit den Ausschreitungen Mitte Juni in Göteborg. Mehr als 22 Anklagen, zumeist wegen Beteiligung an gewaltsamer Aufruhr, sind inzwischen erhoben worden. Bei den mehrtägigen Straßenkämpfen waren mehr als 90 Menschen verletzt und mehr als 500 festgenommen worden. Die Schäden in der westchwedischen Stadt belaufen sich auf rund zehn Millionen Mark.
Die Gewaltausbrüche hatten sowohl die Polizeiführung als auch die politische Führung des Landes überrascht. Nach der Sommerpause soll eine Kommission unter der Leitung des früheren Staatschefs Ingvar Carlsson auch das umstrittene Vorgehen der Polizei in Göteborg untersuchen. Die allermeisten der rund 25 000 Demonstranten in Göteborg hatten friedlich ihren Unmut gegen US-Präsident George W. Bush, die EU oder die Globalisierung ausgedrückt. Doch zahlreiche Randalierer waren aus dem näheren Ausland angereist. Unter den 530 Festgenommenen waren nur rund 150 Schweden, aber allein 37 Deutsche.
Göteborg hat europaweit eine Debatte ausgelöst, wie der Gewalt begegnet werden kann, die seit gut drei Jahren internationale Gipfeltreffen von Politikern und Wirtschaftsbossen begleitet. Die vom deutschen Innenminister Otto Schily geforderte europaweite Gewalttäter-Datei stieß in den meisten anderen EU-Ländern unter anderem aus Datenschutzgründen auf Widerstand. Auch Ausreiseverbote nach Vorbild der deutschen Fußball-Hooligan-Listen werden in den meisten Nachbarstaaten als verfassungswidrig eingeschätzt. Die EU-Innenminister einigten sich lediglich auf Absichtserklärungen. So wollen sie die Zusammenarbeit ihrer Polizeibehörden verstärken. Außerdem sollen die bereits bestehenden Grenzkontrollen im Rahmen des Schengen-Abkommens intensiver genutzt werden. Sebastian S. gab sich vor Gericht einsichtig und bedauerte seine Steinwürfe als schweren Fehler. Doch mit dem heutigen Urteil ist der Fall für den 19-jährigen Abiturienten womöglich noch nicht abgeschlossen. In den letzten Tagen wurden zusätzliche Beweismittel gegen Sebastian S. Eingebracht. Dabei handelt es sich überwiegend um Filmaufnahmen. Weitere Anklagen gelten als wahrscheinlich. 2001-07-16 2;||;73 Agnes Bührig tys 1 Nach Asylverfahren in der Zwickmühle Was tun, wenn der Asylantrag in Schweden abgelehnt wurde, das eigene Land einen aber nicht mehr aufnehmen will? In dieser Situation befinden sich in Schweden Hunderte von Menschen, manche sogar mehrere Jahre. Jetzt haben diese Verhältnisse die Kritik auf sich gezogen.
Rong Chen kommt aus China. 1989 nahm er an den
Studentendemonstrationen in seinem Land teil. Wegen regimekritischer Aktivitäten wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der 33-jährige wurde damals schwer misshandelt, verbrachte sechs Monate im Krankenhaus. Als es die chinesische Familienpolitik ihm und seiner Frau unmöglich machte, mehr als ein Kind zu bekommen, war das Maß voll. Rong Chen floh, per Zufall landete er in Schweden. Doch sein Asylersuchen wurde in den letzten Jahren drei Mal abgelehnt.
Zurückgeschickt werden konnte er nicht - er hatte keinen chinesischen Pass. Nach fünf Jahren des untätigen Wartens war er weichgekocht, wollte zurück in die Heimat, doch auf der chinesischen Botschaft war er ein Niemand, sein Name war aus den Registern ausradiert. So wie Rong Chen geht es Hunderten von Asylsuchenden in Schweden, und mehr als 30 von ihnen warten schon mehr als sechs Jahre auf eine Rückkehr. Maud Björnemalm ist überzeugt, dass Schweden daran nicht schuld hat. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Migrationwerkes, jener Behörde, die für die Annahme oder Ablehnung von Asylersuchen zuständig ist: "Das ist nicht der Fehler Schwedens. Es liegt am
Heimatland, das seine Staatsbürger nicht zurücknimmt. Diese Länder muss man fragen, warum sie das nicht tun."
Nach Ansicht von Christian Diesen, Rechtswissenschaftler an der
Stockholmer Universität, gäbe es Möglichkeiten, den Wartenden zu
helfen. Der Gesetzgeber hat vorgesehen, dass auch humanitäre Gründe bei der Entscheidung über ein Asylverfahren in Betracht gezogen werden sollen. Der Professor, der den Weg vieler Entscheidungsprozesse auf diesem Gebiet beobachtet hat, glaubt jedoch, dass Wohl und Wehe auch von der Kompetenz des Betreuers und seiner Einstellung abhängen. Und die waren im Falle von Rong Chen nicht auf dessen Seite. Im vergangenen Jahr hat sich nun auch seine Frau von ihm abgewandt und die Scheidung eingereicht. Sie lebt seit einigen Jahren in den USA, ihr Asylantrag wurde positiv beschieden, und das, obwohl ihre Argumente für eine Aufenthaltsgenehmigung schwächer waren als bei mir, sagt der 33-jährige Chinese resigniert. 2001-07-17 2;||;74 Alexander Budde tys 5 Babylonisches Sprachengewirr im Stockholmer Vorort Rinkeby Im Einwanderervorort Rinkeby bei Stockholm werden hundert Sprachen gesprochen. Doch nur eine verschwindende Zahl der Einwohner kennt Schwedisch als Muttersprache. "Die Literatur hält diesen Schmelztiegel am Leben", meint der Buchhändler Reza Mansourie (sprich: Resah Mannssuhrieh). Und im babylonischen Sprachengewirr der Bibliothek entdecken die Einwandererkinder die Poesie. Bunt ist der Markt von Rinkeby und vielstimmig. Junge Leute in Lederjacken und Machoposen, feine alte Herren, Frauen mit Kopftüchern am Gemüsestand. Nicht einmal zwei Prozent der Einwohner haben Schwedisch als Muttersprache. Rinkeby-Svenska haben Linguisten die eigentümliche Sprachvariante getauft, die hier verbreitet ist.
In der Bibliothek sitzt Marietta Bergström am Computer, Herrin über 50 000 Bücher. In den letzten Jahren ist hier eine der ungewöhnlichsten Sammlungen entstanden. Mit Marietta um die Regale zu streifen ist wie eine Reise über alle Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.
Da gibt es Selma Lagerlöf auf Polnisch, Tschechisch und Urdu. Astrid Lindgren auf Slowenisch, Bengali und Romani. Die Abteilungen in Griechisch, Persisch und Türkisch sind die größten. Doch das hängt damit zusammen, welche neuen Einwanderergruppen auf dem Wege nach Schweden sind, sagt Marietta. Kürzlich waren sie in London und haben einen Haufen Bücher auf Somali gekauft.
Marietta zieht ein dünnes Bändchen hervor. Den Umschlag zieren zwei Kamele - auf Somali das Zeichen für Liebe und Leidenschaft. "Hier haben wir ein Buch auf Persisch und den Verfasser kennen wir auch. Das ist Günther Grass. Die Blechtrommel. Die wir hier arbeiten, wissen, dass man dieses Buch anders rum ins Regal stellen muss, weil es von hinten gelesen wird. Wir hatten hier vier Nobelpreisträger zu Besuch. Günther Grass war auch hier und ich habe ihm die Hand geschüttelt und sie mir lange Zeit nicht mehr gewaschen. Das war schon ein Erlebnis."
Die treuesten Besucher und emsigsten Leser sind die Kinder. „Das Problem ist nicht, sie herzulocken, sondern sie wieder nach Hause zu befördern“, sagt Marietta. Hier in Rinkeby gibt es nichts zu tun und in der Bibliothek spüren die Kinder so etwas wie Geborgenheit. Den dritten Sommer schon lädt der Schriftsteller Jasmin Mohamed die Kinder von Rinkeby in seine Poesiewerkstatt. In diesem Jahr ist ein neues Werk herausgekommen, der ganze Stolz der Bibliothekarin. "Dies ist ein schöner kleiner Gedichtband. Den haben vier Schwestern geschrieben, die hier leben. Ihr Vater ist auch Schriftsteller. Das gibt es auf Arabisch und Schwedisch. Es heißt Ny värld i snö. Der Schnee ist ungeheuer faszinierend für sie, weil das etwas Neues ist. Schnee kommt in allen Variationen vor. Sehr schöne, sehr ungewohnte Bilder."
Eine Treppe abwärts vom Marktplatz liegt Rinkebys einziger Buchladen, Alfabet Maxima. Draußen hängen zahlreiche Flaggen und Wimpel. Innen stapeln sich englische, spanische und arabische Zeitungen unter einem riesigen Che Guevara-Plakat. Auf den Regalen ringsum Wälzer aus aller Welt.
An der Kasse steht Reza Mansourie. Wohl der originellste Buchhändler in ganz Stockholm, aber ständig vom Konkurs bedroht. "Es ist gut auf seine Weise. Du triffst unterschiedliche Leute, kannst Erfahrungen austauschen, diskutieren. Es gibt Leute aus allen Nationen, die das hier als ihre Heimat empfinden. Hier lesen sie die Bücher aus der Heimat. Leider nicht in allen Sprachen, die hier gesprochen werden. Aber auf 57 Sprachen bringe ich es schon. Das macht einen schon zufrieden. Rein geschäftlich gesehen, sieht es allerdings finster aus", sagt Mansourie.

In seinem Heimatland Iran war Reza Hautarzt. Politisches Engagement zwang ihn zur Flucht ins ferne Schweden. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit machte er den Fremdsprachen-Buchladen auf. Lateinamerikaner, Iraner und Kurden kaufen vor allem politische Literatur, hat Reza beobachtet. Finnen eher Romane und Alltagswälzer. Die haben nicht so viele Probleme in der Heimat, vermutet er.
Umsatz und Gewinn scheinen nicht das Wichtigste zu sein, im Alfabet Maxima. Literatur, das sei für ihn wie ein Fenster in eine andere Welt, sagt Reza. Aber auch ein Stückchen Heimat für die Wanderer zwischen den Welten. "Für mich ist das nicht einfach nur Papier oder ein Buch. Es ist das Leben selbst, Geschichte, Bewegungen, Stimmen, der menschliche Wille. Es bedeutet ganz viel für mich."
Einsame Grübler gibt es im Buchladen. Aber auch wilde Diskussionen unter den Stammkunden. Die lesen die Bibel oder den Koran. Und manche gehörten Parteiungen an, die sich in der verlassenen Heimat bis aufs Messer bekämpften. Im Buchladen kommen sie alle zusammen. Es sind die Bücher, sagt Reza die diesen Schmelztiegel am Rande Stockholms am Leben halten. 2001-07-2o 2;||;75 Agnes Bührig tys 1 Rücktritt bei Globalisierungsgegnern Attac Während beim G8-Treffen im italienischen Genua die Steine flogen, legte im heimischen Schweden einer der führenden Köpfe der Anti-Globalisierungsbewegung Attac seine Arbeit nieder. Bror Perjus ging es bei seinem Rücktritt vor allem um die Frage, welche Einstellung die schwedische Gruppierung von Attac zur politischen Gewalt hat. Der schwedische Ableger von Attac hat sich verrannt, seine Sicht auf die Demokratie ist undurchsichtig, die Einschätzung der politischen Lage in Schweden und im Ausland falsch. Das teilt Bror Perjus, einer der führenden Mitglieder von Attac in Schweden, am Wochenende in der einem großen Zeitungsartikel der schwedischen Öffentlichkeit mit.

Der Publizist vermisst vor allem eine deutliche Stellungnahme seiner Organisation gegen die Gewalt der Extremisten auf der Anti-Globalisierungsdemonstration in Göteborg. So hätten Attac-Vertreter schon frühzeitig die Polizei beschuldigt, das Ausarten der Demonstration provoziert zu haben. Die Ansicht, die hierbei hervorkomme, bei Steinewerfern und Polizei handele es sich um gleichberechtigte Gruppen, so Perjus, sei grundweg falsch. Schließlich habe letztere einen Staatsauftrag.
Überhaupt müsse erst einmal geklärt werden, was unter einer „systemkritischen Organisation“ überhaupt zu verstehen sei. Zielt man auf den Kapitalismus ab oder die Demokratie. Seines Erachtens sollte die Anti-Globalisierungsorganisation als breite Bürgerbewegung für die Globalisierung der Demokratie wirken. Und dafür sei das Mitgehen der Gewerkschaften sowie der Bürgerlichen unabdingbar.
Kritikpunkt Nummer zwei betrifft das Engagement der Organisation gegen die EU, zum Beispiel auf der großen Demonstration in Göteborg. Dies entspreche nicht der Übereinkunft, die man bei Attac getroffen habe. Und es zeige, dass diejenigen, die sie brechen nicht verstanden haben, dass die nationalen Wirtschaften am Ende ihres Weges angekommen sind, weil Wirtschaft zunehmend global stattfindet.
Doch Bror Perjus wendet sich nicht nur zurück. Er hat auch Visionen für eine breite Bürgerbewegung wie Attac. Und die zielen vor allem darauf ab, bekannt zu machen, was Globalisierung eigentlich bedeutet: Dass nämlich die internationale Freizügigkeit des Kapitals es für nationale Demokratien immer schwerer macht, Produktion effektiv zu besteuern, und diese Steuern für das Wohlfahrtssystem einzusetzen.
Um dieses Ziel zu erreichen ist es wichtig, dass Attac in Schweden eine positive Haltung gegenüber der EU einnimmt. Denn er hält die Europäische Union für eines der besten Werkzeuge für Demokratie und Wohlfahrt, nicht nur in Europa.
2001-07-23 2;||;76 Agnes Bührig tys 1 Gesetz gegen Prostitution wird unterlaufen Vor zwei Jahren wurde ein neues Gesetz eingeführt, das die Prostitution in Schweden eindämmen sollte. Doch bisher wurden nur wenige Männer für das Kaufen von Sexdiensten auch tatsächlich verurteilt. Statt dessen suchen sie sich auf anderem Weg ihre Befriedigung: im Ausland. Die Polizei im nordschwedischen Norrbotten beobachtet nun, dass russische Prostituierte auftauchen. Als Schweden im März dem Schengener Abkommen beitrat, änderten sich auch einige Regeln für die Grenzkontrolle. Wer heute aus Russland kommt, braucht nur noch ein Touristenvisum für die Einreise nach Finnland, von dort geht es dann ohne größere Schwierigkeiten weiter nach Schweden. Für russische Prostituierte ist der Weg nach Schweden offen, hat Polizeikommissar Ivan Wikström aus Luleå beobachtet: „Sie bekommen Hilfe von schwedischen Männern, die dafür sorgen, dass sie auch auf der schwedischen Seite Geld verdienen.“
Seit Oktober vergangenen Jahres hat die schwedische Polizei Prostituierte beobachtet, die aus Russland kommen. Dass schwedische Männer nach Finnland fahren, um sich Sexdienste zu kaufen, ist seit längerem bekannt. Schließlich gehen sie im Nachbarland dabei straffrei aus. Neuerdings kommen jedoch auch mehr und mehr Prostituierte aus Russland über die Grenze nach Schweden. Dafür sprechen die Meldungen, die die Polizei von Hotels und Campingplätzen in Norrbotten erhält. Und es sind keine Einzelfälle, meint Wikström: „Das ist organisiert, das sieht man. Weil es immer ein bestimmter Tag in der Woche ist, an dem eine gewisse Anzahl Kleinbusse, etwa 8 - 10, über die Grenze kommt. Das sind Prostituierte aus dem Murmansk-Gebiet, die dort als Prostituierte registriert sind.“

Die schwedischen Behörden befürchten nun ein Ansteigen der Aids-Infizierten auch in Norrbotten. Denn im Gebiet von Murmansk im nordwestlichen Russland ist die Zahl HIV-Positiver in den vergangenen Monaten angestiegen. Grund seien die Drogenabhängigen, die in der letzten Zeit zugenommen haben. Und viele von ihnen finanzieren ihre Sucht durch den Verkauf ihres Körpers. Die Aids-Zentrale der Region Murmansk berichtet von 414 Infizierten, doppelt so viele wie noch vor einem halben Jahr. Mit dem Sextourismus Richtung Westen steigen damit auch für schwedische Männer die Chancen, sich mit dem Virus zu infizieren.
2001-07-24 2;||;77 Alexander Budde tys 4 Keine Berührungsängste bei Stammzellenforschung Schwedische Wissenschaftler haben bei der weltweiten Jagd auf die Stammzellen die Nase vorn. Die neue Biotechnologie eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, schwerste Krankheiten zu heilen. Aber sie weckt auch Emotionen. Die Debatte um embryonale Stammzellen wird in Schweden längst nicht mehr nur von Wissenschaftlern und Ethikern geführt. Der heute vierjährige Julian aus Deutschland verdankt sein Leben einer Stammzellen-Behandlung im Universitätskrankenhaus Huddinge in Stockholm. Die Ärzte in Deutschland diagnostizierten am ungeborenen Kind die gleiche schwere Immunerkrankung, wie bei Moritz, Julians älterem Bruder. Moritz musste schmerzhafte Knochenmark-Transplantationen über sich ergehen lassen. Das sollte dem Bruder erspart bleiben. Noch im Mutterleib wurden Julian Stammzellen gespendet, die innerhalb weniger Wochen den Zelldefekt beseitigten. Der Rohstoff ist rar. Die Zellkulturen sind schwer zu gewinnen. Und um die Stammzellen aus menschlichen Embryonen, aus denen alle Gewebe des Körpers erwachsen können, ist ein Ethikzwist entbrannt. In Schweden lässt die Gesetzeslage die Ausbeutung überflüssiger Föten nach Abtreibung und künstlicher Befruchtung zu. Schwedische Wissenschaftler haben bei der weltweiten Jagd auf die Stammzellen die Nase vorn, meint Magnus Westberg, Professor der Uniklinik Huddinge, wo Julian behandelt wurde:
"Embryonale Stammzellen sind wirklich verheissungsvoll. Sie können andere Zellen ersetzen. Und es sind ja gerade die weit verbreiteten Krankheiten, die wegen Zelldefekten auftreten. Zum Beispiel Diabetes, Parkinson oder Herzinfrakt."
Für ihre Forschung, so waren sich die Wissenschaftler bislang einig, werden nur Embryonen benutzt, die sonst zerstört wurden. Die meisten sind künstlich gezeugt worden, um Paaren mit Fortpflanzungsproblemen zum ersehnten Nachwuchs zu verhelfen. In der Regel würden für diese Prozedur mehr Eizellen als nötig befruchtet und dann eingelagert, erläutert Westberg.
"Die Zellen, die wir einsetzen, stammen von Föten, die abgetrieben wurden. Also, von Frauen, die ihre Zellen gespendet haben. Wenn es um embryonale Stammzellen geht, dann sind das meist überflüssige befruchtete Zellen. Beide Zellformen wären sonst vernichtet worden. Und ich meine, dass die Eltern darüber entscheiden sollten, wozu diese Zellen benutzt werden dürfen."
In vielen europäischen Ländern ist die Stammzellenforschung ganz verboten. In Deutschland soll ein Nationaler Ethikrat bis Ende des Jahres Position zum Import embryonaler Stammzellen beziehen. Doch nirgends wird die Debatte um den Umgang mit embryonalen Stammzellen derzeit so emotionsgeladen geführt wie in den USA. Die meisten Bio-Tech-Experten arbeiten in staatlich finanzierten Programmen. Die Mittel für ihre Projekte hat Präsident George W. Bush direkt nach seiner Amtsübernahme eingefroren. In Schweden stehen allen voran die wertkonservativen Christdemokraten hinter der Debatte.
Für Parteiführer Alf Svensson geht es um nicht weniger als das Recht auf Leben, so klein und unentwickelt es auch ist. Und Svensson scheut sich nicht, auf ein dunkle Kapitel in der Geschichte des Landes anzuspielen: Die tiefe Verstrickung schwedischer Mediziner in Eugenik und Euthanasieprogramme im Stile der Nationalsozialisten.
"Es gibt auch eine Geschichte in unserem Land. Eine Geschichte, wo wir uns in der Medizin so verhalten haben, dass wir es lieber ungeschehen machen wollten. Heute haben wir die Möglichkeiten, mit dem Leben zu experimentieren. Ganz andere Möglichkeiten, damit zu spielen. Darüber muss man nachdenken."
Im Oktober will der Wissenschaftsrat Richtlinien für den Umgang mit Stammzellen aufstellen. Für Julians Mutter steht schon heute fest, wie das Gremium entscheiden sollte:
"Wir leben ein ganz normales Leben mit Julian. Ich danke jeden Tag, dass uns hier geholfen wurde." Forschung 2001-07-25 - 22:36 2;||;78 Gundula Adolfsson tys 6 ABB will 12.000 Stellen abbauen Zu dem niederschmetternden Halbjahresbericht von Ericsson Mitte Juli kam die Hiobsbotschaft von ABB. Der schwedisch-schweizerische Elektrotechnik-Konzern hat deutlich geringere Gewinne erwirtschaftet als angekündigt und muss Kosten sparen. Jetzt wird über einen möglichen Zusammenhang zwischen der jetzigen Misere und der Unternehmensstrategie spekuliert. 12.000 Stellen will Asea Brown Bovery in den kommenden 18 Monaten abbauen. Die Konzernleitung macht die schwierige Konjunkturlage verantwortlich, als Problemumfeld wird der amerikanische Markt ausgewiesen. Die mit den Einsparungen verbundenen Kosten werden auf 500 Millionen Dollar geschätzt. ABB gehört zu den größten Elektrotechnik-Konzernen der Welt. Das Unternehmen ist eine Schöpfung des erfolgreichen schwedischen Finanzmannes und Unternehmers Percy Barnevik, der Ende der 80er Jahre den schwerfälligen Elektroriesen Asea aus Schweden und das Schweizer Unternehmen BBC zu einem globalen Konzern umwandelte. Seitdem sprechen Schweizer Journalisten von ABB als einer ständigen Grossbaustelle: Barnevik zeigte sich als Manager einer kompromisslosen Globalisierung.
Sein Nachfolger im Amt des Konzernchefs wurde ebenfalls ein Schwede. Göran Lindahl setzte die Strategie des Vorgänger fort, baute Stellen ab in Nordamerika und Asien, bei den Arbeitern, aber auch in den Chefetagen. Allerdings ging er auch eigene Wege. So ließ er die von Barnevik eingefädelte Zusammenarbeit mit Daimler Benz im Bahngeschäft und den Kooperation im Kraftwerkbau platzen und füllt auf diese Weise vorübergehend die
Konzernkasse. Lindahl wandte sich vom Anlagenbau ab und strebte als Ziel ein Schwergewicht auf der Informationstechnologie an. Die Rechnung ging nicht auf. Dagegen entschied sich Lindahl zum Gehen. Der dritte Schwede an der Konzernspitze, Jörgen Centerman, spielt auch die IT-Karte aus, will allerdings den Konzern statt nach Sparten, nach den Wünschen der größten Kunden orientieren.
Generell ausgerichtet auf die Informationstechnologie ist ABB nun auch ein Opfer der Branchenkrise geworden. So muss denn das Unternehmen nun die Abkehr von dem traditionellen Konzernsparten, beispielsweise den Anlagenbau, teuer bezahlen. Analysten behaupten jedoch, der IT-Crash sei dabei, sich auf traditionelle Branchen abzufärben. Es hätte ABB früher oder später getroffen. Nun hat das Unternehmen seine Prognosen nach unten korrigiert. Der bis 2005 angepeilte Gewinn vor Steuern von 12 Prozent ist auf 9 Prozent zusammengeschmolzen. Noch sei es verfrüht zu sagen, welche und in welchem Ausmaß schwedische Niederlassungen von dem Stellenabbau betroffen sind, erklärte der Pressesprecher von ABB, Thomas Schmidt. Dass der Kelch an Schweden nicht vorbeigeht, dürfte klar sein, der mit weltweit 12.000 angekündigte Stellenabbau entspricht ganzen 8 Prozent der Belegschaft. Der Konzern beschäftigt hierzulande 19.000 Personen. 2001-07-25 2;||;79 Gundula Adolfsson tys 4 Viele Besucher machen der Vasa zu schaffen Das Vasamuseum ist mit rund 800 000 Besuchern im Jahr Stockholms erfolgreichstes Museum. Das faszinierende an der Ausstellung: sie ist um einen einzigen Gegenstand herum gebaut, und das Exponat ist ein Original, das Regalschiff Vasa aus dem 17. Jahrhundert. Nun aber hat das Museum Probleme mit seinem Original bekommen.
Man entdeckte sie im August voriges Jahr. Weiße Flecken auf mehreren Ausstellungsstücken, dann auch am Bug des Schiffes. Salzflecken. Die Konservatoren des Museums waren geschockt und begannen zu analysieren. Und so erklärt man sich die chemischen Vorgänge im Holz der Vasa: 333 Jahre lag das Schiff auf dem Meeresboden im Stockholmer Hafen und hat dort Schwefel aus dem Wasser aufgenommen. Nach der Bergung wurde das Schiff mit einer Lösung imprägniert, die es für immer bewahren sollte.
Aber das Gegenteil zeichnet sich nun ab. Die Lösung reagiert mit dem Schwefel im Holz sowie den rostigen Eisennägeln und setzt Schwefelsäure frei.
Ausgelöst wurde der Prozess durch den extrem regnerischen Sommer 2000 in Kombination mit einem neuen Besucherrekord. Eine halbe Million feucht atmende, mit Regenmänteln bekleideten Besucher war für die Klimaanlage einfach zu viel. Berechenbare Probleme, könnte man meinen, und Chefkonservatorin des Vasamuseums, Ingrid Hall Roth, kann den Gedanken nicht ganz von der Hand weisen: „Diesbezügliche Befürchtungen hätten schon bestanden, aber dass die Luftfeuchtigkeit im Museum so zuschlagen würde, das hatte man denn doch nicht erwartet.“
Dass die Konservierungslösung im Holz an allem Schuld ist, weist die Chefkonservatorin zurück. Ob ein Zusammenhang besteht, müsse man erst wissenschaftlich klären. Tatsache ist, dass auch andere Museen in der Welt Schwierigkeiten haben, historische Schiffe geeignet zu präparieren. „Das ist der Fall bei den Wikingerschiffen im dänischen Roskilde und die Batavia in Australien. Das Schiff ist übrigens ebenso alt wie die Vasa. In Batavia hat man auch kein Wundermittel gefunden. Man hält man den Zerfall des Holzes mit Hilfe der Klimaanlage in Schach. Dabei verschwindet das Problem nicht, aber die Lage bleibt stabil."
Die Konservatoren im Vasamuseum haben nun ein Forschungsprojekt aus dem Boden gestampft, das verhindern soll, dass die Vasa von innen zerfressen wird. Über 300 Holzproben sind per Post an die Universitäten in Uppsala und Stanford auf den Weg gegangen. Bis die Ergebnisse von dort zurückkommen und ausgewertet sind wird sich das Museum wohl oder übel eine effektivere Klimaanlage zulegen müssen.
2001-07-18 2;||;80 Wiebke Pankauke tys 4 Rundgang durchs Strindberg-Museum Geht man in Stockholm die betriebsame Drottninggatan immer weiter nach Norden, liegt linkerhand ein ockergelbes Eckhaus. Es sieht nach nichts Besonderem aus, und eigentlich würde man einfach vorbeigehen, wenn nicht ein Schild darauf hinweisen würde, dass hier August Strindberg, der schwedische Schriftsteller und Dramatiker, gewohnt hat. Sein satirischer Gesellschaftsroman "Das rote Zimmer" markiert für viele Literaturwissenschaftler den Anfang der neuen schwedischen Literatur. Das erste Kapitel des "Roten Zimmers" beginnt mit einer berühmten Beschreibung von Stockholm aus der Vogelschau:
Zitat:
Über Liljeholmen stand die Sonne und warf ganze Strahlenbündel ostwärts. Sie durchdrangen die Rauchsäulen von Bergsund, beleuchteten die Wälder von Lidingö und erstarben in einer rosenfarbenen Wolke, weit, weit in der Ferne, wo das Meer liegt. Und von dort kam der Wind. Hinter Hästholm schaute er in die Sommerhäuschen, kam wieder heraus und eilte weiter. Er spürte den Geruch von Kohle, Teer und Tran, prallte gegen den Stadsgard, fuhr nach Mosebacke hinauf, hinein in den Park und gegen eine Wand. Im selben Augenblick wurde die Wand geöffnet...
Nicht eine Wand, sondern eine schwere Brandschutztür öffnet der Theaterwissenschaftler Erik Höök. Sie führt hinein in August Strindbergs Bibliothek. Im sechsten Stock des Eckhauses hört man den Lärm von der Fußgängerzone nicht mehr. Alles ist hier wieder genau so hergestellt, wie der Schriftsteller und Dramatiker es bei seinem Tod 1912 hinterlassen hat: Mehr als 3000 Bände stehen Seite an Seite in Regalen, die bis zur niedrigen Decke reichen. In der Mitte, im Licht des schrägen Fensters, neben einem astronomischen Fernrohr der Arbeitstisch. Hier pflegte Strindberg zu sitzen und zu lesen. Immer nachmittags, denn vormittags schrieb er. Und wenn er las, hatte er immer einen Stift in der Hand, erzählt Erik Höök: „Alle diese Bücher sind mit Aufzeichnungen vollgekritzelt. Wenn er einen Autor nicht mochte, konnte er auch "Lüge" oder "Scheiße" an den Rand schreiben. Das interessiert die Strindbergforscher sehr.“
August Strindberg wurde 1849 in Stockholm geboren. Er studierte in Uppsala, arbeitete dann in der Königlichen Bibliothek in Stockholm, lebte einige Zeit in Wien, im schweizerischen Gersau und Berlin und später dann wieder in Stockholm. 1908, vier Jahre vor seinem Tod, zog er in das Haus an der Drottninggatan, den "Blauen Turm", wie er es nannte. Dabei ist die Hausfassade keineswegs blau, sondern ockerfarben. „Es ist etwas kompliziert. Zu Strindbergs Zeit gab es ein Kaffeegeschäft im Erdgeschoss. blaues Bild auf den Etiketten, ausgeschnitten, fleißiger Briefeschreiber, datierte Briefe "Am blauen Turm" 25. Juli 1908 zum Beispiel.“
Zu Strindbergs Zeit war das Haus topmodern, mit Zentralheizung, fließend kaltem und warmem Wasser und Aufzug. Seit 30 Jahren beherbergt es jetzt das August-Strindberg-Museum. Zu sehen sind sein Schlaf- und Wohnzimmer, die Bibliothek und das Arbeitszimmer. Alles wurde exakt nach alten Fotografien rekonstruiert. Außerdem gibt es eine Ausstellung mit Zeitungsausschnitten, Gemälden und Fotos. Hier hängt auch das einzige Foto, das Strindberg zusammen mit seiner ersten Frau, der Schauspielerin Siri von Essen, zeigt: „Sie spielen Backgammon. Das sieht friedlich aus, aber symbolisch. Hier wird Strindberg zum Frauenhasser. Der Kampf der Geschlechter wird zum zentralen Thema von nun an.“
Für seine Abneigung gegenüber dem weiblichen Geschlecht ist Strindberg weltberühmt geworden. Dabei bezeichnete er sich selbst als nur "theoretischen" Frauenhasser, heiratete er doch im Lauf seines Lebens drei starke und selbstständige Frauen. In einem Brief an die junge Schriftstellerin Anna Wahlenberg, die ihm hoffnungsvoll ihren ersten Roman zusandte, wird er jedoch deutlich:
Zitat:
Mein Fräulein,
Ihre Annahme, ich ließe Ihr Buch ungelesen, war noch so begründet, denn ich lese nur die Frauenzimmerbücher, die ich gezwungen bin, zu lesen. Ich ließ auch das Ihrige ungelesen, nachdem ich die letzten Seiten durchgesehen und Ihre Auffassung von Billigkeit und Gerechtigkeit vollkommen verwirrend gefunden habe. Man muss schon ein verwöhntes Frauenzimmer sein, um mit solcher Dünkelhaftigkeit zu kommen. Von Ihnen habe ich nichts zu lernen, aber Sie können zu Ihrem eigenen Nutzen fortfahren, meine Schriften zu studieren.
Hochachtungsvoll, August Strindberg.